Europa belügt sich selbst. Nicht erst seit dem Brexit-Votum und noch lauter im Handelskrach mit den USA stimmt die Führung der Union das hohe Lied von der Geschlossenheit der Gemeinschaft an, die man als vermeintliche Stärke in die internationale Waagschale werfen will. Doch tatsächlich ärgert die EU am Vorgehen von US-Präsident Donald Trump vor allem, dass dieser ihre Brüchigkeit und Abhängigkeit fast schamlos entlarvt.

Denn die Analyse dieses europäischen Staatenbundes fällt keineswegs schmeichelhaft aus: Ein Mitglied hat gekündigt, Italien hat eine strikte Anti-EU-Regierung installiert, in Spanien ist musste Premier Rajoy EU-kritischen Kräften Platz machen. Gegen Polen läuft ein beispielloses Verfahren wegen Verstößen gegen die Rechtsstaatlichkeit. Und in Budapest macht der Regierungschef, was er will – Hauptsache, er kann gegen Brüssel polemisieren.

Zur Gesamtbilanz gehört zwar der neue Schutzpatron Europas, Emmanuel Macron – aber auch eine Bundeskanzlerin, die ihn ausbremst. Die europäischen Gipfeltreffen enden zwar meist in gespielter Harmonie und angeblicher Einigkeit. Doch sobald die 28 Staatenlenker den Runden Tisch verlassen haben, gibt es Misstöne. Kurt Tucholskys bitterböser Satz scheint wahr zu sein: „Zwischenstaatlich organisiert sind in Europa nur das Verbrechen und der Kapitalismus.“

Die Stärke der Union ist nicht vorhanden, weil sie ihre Abhängigkeiten leugnet. Man zerreibt sich zwischen den Schwergewichten der internationalen Politik wie Russland, China und den USA. Europa gestaltet nicht, es reagiert. Es soll doch niemand so tun, als sei Trump der einzige, der die EU nach Belieben dirigiert. Der nächste Akt dieses Schauspiels folgt in der kommenden Woche, wenn sich Chefs der großen sieben Industrienationen zum G7-Gipfel treffen. Diese Veranstaltung wird ein Schaulaufen für den US-Präsidenten, der den Europäern zwar zuhört, aber dann doch macht, was er will.

Das kann Donald Trump auch tun, weil die EU ihm dazu jede Chance gibt. Zwar hat man nach den ersten Brüskierungen Antworten gefunden, die Gemeinsamkeit demonstrieren sollen – allen voran die Europäische Verteidigungsunion. Herausgekommen ist bisher eine Art Genossenschaft zum Shoppen von wehrtechnischen Gütern – und ein paar neue Logistikzentren für Aufgaben, bei denen man sich fragt, wieso diese nicht schon längst gelöst wurden. Die Euro-Zone schlingert vor sich hin, weil nach der Griechenland-Rettung nun Italien irrwitzige Gedanken von der Rückkehr zur Lira durchspielt. Dass eine solche Währungsunion zwar einen Vorsitzenden, aber keinen echten europäischen Finanzminister hat, nimmt ihr das Gewicht, das sie auf den internationalen Märkten einfordern könnte und müsste.

Für viele scheinen das alles Belege dafür zu sein, dass die EU ihre Strahlkraft eingebüßt hat und abgeschafft gehört. Ein Irrtum. Frankreich, Deutschland und die anderen Großen brauchen Mut für ein besseres Europa, das den Mumm hat, sich gegen Trump zu stellen, anstatt sich von ihnen vorführen zu lassen. Wer von Verantwortung spricht, muss sie übernehmen – außenpolitisch, in Sicherheitsfragen, in der Wirtschaft. Übrigens auch bei sozialen und Umweltstandards.

Die Abschaffung von Roaminggebühren oder saubere Luft mögen wichtig sein. Aber damit schafft man keine geopolitische Bedeutung, die notwendig ist, wenn die EU mit den Großen am Tisch sitzt, um Konfliktherde zu befrieden. Um dies zu erreichen, ist kein Sitz im Weltsicherheitsrat notwendig, sondern die Entschlossenheit, sich Gehör zu verschaffen und an einem Strang zu ziehen. Heute beherrschen Kleingeist und Nationalismus die Union, aber nicht Visionen und die Überzeugung, dass es für jedes einzelne Land auf diesem Kontinent unverzichtbar ist, sich zusammenzuraufen. Die EU funktioniert nicht als Gesellschaft mit beschränkter Haftung, sondern nur als Modell gemeinsamer Verantwortung.