Herr Botschafter, Ihr Land gehört genauso wie die Schweiz nicht zur EU, ist aber eng mit ihr verbandelt. Beide profitieren von den Beziehungen. Ist dieser Ansatz der klügere im Vergleich zu einer Mitgliedschaft?

Ob es besser ist, weiß ich nicht. Aber es funktioniert auf jeden Fall für ein Land wie unseres und mit seiner Geschichte. Wir hatten zwei Referenden in Norwegen und beide Male hat eine knappe Mehrheit gegen den EU-Beitritt gestimmt. Der Europäische Wirtschaftsraum ermöglicht uns die Teilhabe am EU-Binnenmarkt, ohne dass wir Mitglied der Europäischen Union sein müssen. Dass wir dafür die Rechtsprechung der EU übernehmen müssen, haben wir als Kompromiss akzeptiert.

Was unterscheidet die Schweizer Beziehung zur EU von der Norwegens zur Gemeinschaft?

Wir sind in den Wirtschaftsraum eingetreten und damit ein vollwertiges Mitglied des Binnenmarkts. Das wollte die Schweiz nicht. Sie hat immer wieder Einzelverträge abgeschlossen, wobei die EU ja nun auf einen Rahmenvertrag pocht. Norwegen zahlt dafür auch Beiträge an die EU – das tut die Schweiz nicht. Aber wir tun das gerne.

Das hört man selten, dass jemand gerne Beiträge zahlt. Im Fall Norwegens sind es immerhin 400 Millionen Euro jährlich...

Wir sind ein reiches Land, seit wir Anfang der 70er Jahre auf Öl gestoßen sind. Die Vermögensunterschiede in Norwegen sind gering. Weil das Geld, das wir aus dem Ölvorkommen schöpfen nicht ins Staatsbudget floss, sondern in einen Fonds, haben wir mittlerweile einen ziemlich vollen Topf, der mittlerweile doppelt so groß ist wie unsere Jahreswirtschaftsleistung. Die Beitragszahlungen an die EU sind etwas, worüber in Norwegen Konsens herrscht – schließlich sind wir dafür im Europäischen Wirtschaftsraum.

Und davon profitiert Norwegen enorm. 80 Prozent des Exports gehen in die EU. Wieso kommt eine Vollmitgliedschaft trotzdem nicht in Frage?

Tja, das ist aktuell noch kein Thema. Es gibt Umfragen, die relativ konstant zeigen, dass inzwischen 70 Prozent der Norweger bei einem dritten Referendum die EU-Mitgliedschaft ablehnen würden. Das heißt doch aber auch, dass das aktuelle Modell einfach funktioniert. Die Norweger sind einfach nicht begeistert von der Vorstellung, dass Entscheidungen in Brüssel getroffen werden.

Aber genau das ist jetzt doch auch der Fall – und Norwegen kann nicht einmal mitbestimmen...

Das ist richtig, so argumentieren auch die Befürworter einer EU-Mitgliedschaft. Aber sie sind eben in der Minderheit in Norwegen.

Mitbestimmen darf nach dem Brexit auch Großbritannien nicht mehr... Was bedeutet der wahrscheinliche Austritt des Landes für Norwegen und seine Wirtschaft?

Die Integrität des Binnenmarkts ist uns natürlich sehr wichtig und wir wollen vermeiden, dass zwischen Norwegen und den übrigen EU-Staaten eine Art Loch entsteht. Wir wünschen uns, dass beide Seiten eine Lösung finden, die mit Norwegen und Island vereinbar ist. Aber schlussendlich müssen die Briten sagen, was sie wollen.

Das norwegische Modell haben die Briten ja bereits abgelehnt...

Ja, weil sie dann die Personenfreizügigkeit akzeptieren müssten, um vollumfänglich am Binnenmarkt teilzuhaben. Nun ist ja die Rede von einer reinen Zollunion, einer Art Norwegen-Plus-Modell. Aber ich denke, das ist eher ein Norwegen-Minus-Modell, denn sie hätten ja weniger Vorteile als wir.

Norwegen hat sich vom armen Fischerland zu einer sehr erfolgreichen Wirtschaftsnation gemausert, heute herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Ist das ein Grund, weshalb Rechtspopulismus in Norwegen kaum auf fruchtbaren Boden fällt?

Es gibt schon Populismus in Norwegen, aber in der Tat sehr wenig Rechtspopulismus. Da geht es dann um die Migrationsdebatte und dass wir strengere Regeln für Einwanderung brauchen. Aber die sogenannte Fortschrittspartei gibt es schon lange, sie fing als Anti-Steuer-Partei an, wurde zur Anti-EU-Partei und schließlich zur Anti-Immigrationspartei. Aber das ist ein ganz anderes Niveau als die AfD in Deutschland, in Norwegen sind die Populisten viel moderater.

Daran scheint auch der Anschlag auf die Insel Utoya 2011 nichts geändert zu haben. Wie war das möglich?

Der Terroranschlag im Sommer 2011 war für unser Land sehr traumatisch. Niemand hätte geglaubt, dass so etwas passieren könnte in Norwegen. Der damalige Premierminister und heutige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat damals vor vorschnellen Schlussfolgerungen gewarnt. Und tatsächlich: Der Täter war ein weißer Norweger, kein arabischer Islamist. Der Prozess gegen Anders Breivik hat zur Aufarbeitung beigetragen, aber sicher auch der Umgang mit der Tat: das Prinzip Liebe gegen Hass.

Viele fürchten, dass die Rechtspopulisten in der EU bei den bevorstehenden Europawahlen deutliche Zugewinne machen könnten. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Das bereitet uns natürlich Sorge, denn entsprechende Mehrheiten im Europäischen Parlament könnten massiven Einfluss auf die EU-Politik und damit auch den Binnenmarkt haben.

Warum ist die Migrationsdebatte in Norwegen nicht so stark wie anderswo in Europa?

Unsere Haltung ist, dass wir teilnehmen wollen. Eine Quotenverteilung von Flüchtlingen empfinden wir als gerecht, das bedeutet Solidarität. Norwegen hat im Vergleich zu der relativ kleinen Bevölkerung relativ viele Flüchtlinge aufgenommen.

Das klingt so vernünftig – wie so vieles, was die Norweger tun. Woher kommt die Besonnenheit der Skandinaven?

Ich denke, es mag daran liegen, dass wir ein sehr homogenes Land sind, eine kleine Gesellschaft. Bei uns herrscht eben das Prinzip der Rücksichtnahme: Die, die bei einem Fußballspiel in der ersten Reihe sitzen, wissen, dass sie sitzenbleiben müssen, damit die in den hinteren Reihen auch etwas sehen können.