Ein paar Auskünfte zum Nobelpreis? „Tut mir leid“, sagt die Frau am Souvenirshop, während sie ihre Auslegeware zusammenräumt: Erstens müsse sie gerade ihren Laden schließen. Und zweitens interessiere sie der Nobelpreis nicht die Bohne. Es ist ein seltsames Bild, das sich an diesem Samstag in Oslo bietet. Einerseits die große Aufregung: Polizei vor dem Grand-Hotel und am Parlament Reporter, die mit wichtigem Gesicht in Kameras sprechen. Und andererseits: Weihnachtsmarkt. Oslos Bürger schlendern vorbei an heißem Grog und frischen Waffeln, Kinder fahren Schlittschuh auf einem Stadtparksee. Der wichtigste Preis der Welt lässt die Einheimischen kalt.

Sie wüsste nicht, dass sie jemals Kunden darüber habe sprechen hören, sagt Sylwie, die polnische Besitzerin des Strickwaren-Ladens „Alle tiders“ direkt gegenüber des Rathauses, in dem der Preis verliehen wird. „Wenn ich mir dagegen vorstelle, dass einmal im Jahr die ganze Welt nach Polen schaut – dort würden alle platzen vor Stolz!“

„Santos: Nobelprisen kom som en gave fra himmelen“, steht auf einer Zeitung am Kiosk nebenan zu lesen. Man muss kein Norwegisch können, um das zu verstehen. Der diesjährige Preisträger, Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos, bezeichnet seine Ehrung als Himmelsgeschenk. Er meint damit den Friedensprozess in seinem Land. Man kann es aber auch als Bekenntnis über seine eigene Karriere verstehen. Denn Größeres als eine Einladung nach Oslo kann Politikern kaum widerfahren. Bescheinigt ihnen doch der Preis laut Testament seines Stifters Alfred Nobel, „am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker hingewirkt“ zu haben: Der Eintrag ins Geschichtsbuch scheint gesichert.

Im Nobel-Peace-Center muss doch jemand zu finden sein, der sich über den Preis und seinen Träger äußern mag. Zwei junge Männer schrauben gerade ein großes Schild fest. „Liveübertragung der Nobelpreisverleihung!“ steht darauf geschrieben. Ob sie wohl ein paar persönliche Worte verlieren möchten? Da lächeln sie verlegen: „Ich weiß nicht, ob das geht“, stammelt der eine. Und der andere spricht eifrig in ein Funkgerät. Die Pressesprecherin des Zentrums werde kommen, sagt er: „Wir selbst dürfen zum Thema Nobelpreis nichts sagen.“ Meinungsfreiheit in der Stadt des Friedensnobelpreises.

Dass Mitarbeiter öffentlicher Institutionen zum Schweigen verdonnert werden, sei symptomatisch für die Stimmung in der Stadt, sagt der Projektmanager Yuri Sali vom Osloer Besucherzentrum: „Die Menschen sind eigentlich stolz auf diesen Preis. Seit einigen Jahren können sie aber die Vergabeentscheidungen nicht mehr nachvollziehen.“ Mit der umstrittenen Würdigung von US-Präsident Barack Obama 2008 sei eine Entfremdung zwischen Bürgern und Nobelpreiskomitee eingetreten.

Dabei steht das weltoffene Norwegen doch für das Gegenteil von Kontrolle und Distanz. Typisch ist vielmehr die Kinder-Nobelpreisparty am Samstagvormittag: Wer als Friedensstifter geehrt werden möchte, muss hier vorbeischauen und sich den kritischen Fragen norwegischer Schulklassen stellen. Geschätzt hundert Kinder sitzen auf Kissen im Nobel-Peace-Center, als zu lauter Musik Präsident Santos begleitet von Norwegens Kronprinzenpaar Hakan und Mette-Marit die Bühne betritt.

Drei eigens ausgesuchte Schüler lesen von Moderationskarten Fragen ab: Ist auch in Syrien Frieden möglich, Herr Präsident? Wie wichtig sind Ihnen die Kinder Ihres Landes, Herr Präsident? Wie steht es um die Zukunft Kolumbiens, Herr Präsident? Die Hoffnung auf Frieden, antwortet Santos, dürfe man nie verlieren, Kinder seien die Zukunft Kolumbiens, diese Zukunft sehe gut aus.

Mit der Medaillenvergabe wird der Sieg des Guten gefeiert, für Widersprüche ist kein Platz. So dokumentiert eine Fotoausstellung die Sonnenseite des Friedensprozesses in Kolumbien. Krieger, die demütig ihre Waffen abgeben. Familien, die hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. Und immer wieder Präsident Santos: entschlossen in die Kamera blickend, nachdenklich über Akten brütend, energisch am Rednerpult. Ein strahlender Held.

 

Filmische Eindrücke von Oslo im Zeichen des Nobelpreises