Manche Diskussion findet spiegelverkehrt statt: Eine Seite spielt die andere aus, in dem sie deren Argumente übernimmt, um die Gegenseite an die Wand zu drücken. So geschieht es auch im Umgang mit Flüchtlingen. Die Linkspartei übt sich als Hüterin der Nächstenliebe. Das ist an sich schon verwirrend, zählt diese Fraktion nicht zu den Gruppierungen, die sonst Berggottesdienste füllen oder sich um den Religionsunterricht verdient gemacht hätten. Und die Parteien mit dem großen C im Parteinamen sehen sich mit den eigenen Waffen geschlagen und greifen in die Kiste der Ordnungspolitik. Deren Leitworte lauten Asyltourismus, Ankerzentren, Grenzregime. Was ist eigentlich los?

Das Knäuel lässt sich mit einem Satz des legendären Kurt Schumacher auflösen. Der erste SPD-Vorsitzende nach dem Zweiten Weltkrieg sagte: "Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit." Man darf folgern: Je stärker ein Politiker im Korsett der Verantwortung steckt, desto vorsichtiger wird er mit dem Ideal der Nächstenliebe umgehen. Das gilt quer durch die Parteien.

Ein Regierungschef wie Winfried Kretschmann sah die Völkerwanderung damals mit Skepsis; er drängte die Länder des West-Balkans auf die Liste der sicheren Drittstaten. Weil es jeweils ein Bundesland ist, das die Kapazitäten bereitstellt, die bald ausgeschöpft sind. Verstärkt gilt das für die Bürgermeister, denen die Einwanderer kommentarlos durchgereicht werden. Auch sie stehen auf die Bremse und warnen vor einer Empfangskultur, die falsche Signale aussendet. Was ist die Willkommenskultur anderes als eine ins Konkrete gewendete Nächstenliebe?

Wie ist das mit der Nächstenliebe? Sie zählt zu den größten Errungenschaften der menschlichen Geschichte. Sie hebt den Menschen über das Tier hinaus und lehrt ihn, dass er die Erde nicht alleine bewohnt. Als Maßstab für politisches Handeln ist diese Haltung häufig nicht geländetauglich. Diese Liebe verzeiht alles und jedem, sie nimmt alles, wie es kommt, sie rechnet weder auf noch ab. Dann widerspräche die staatliche Justiz diesem Gebot der Nächsten- und der Feindesliebe. Man müsste Verbrecher laufen lassen und ihnen die Strafe schenken. Diese Maximal-Ethik wird jeden Staat schnell ruinieren. Sie wäre weit entfernt von der Wirklichkeit, mit deren nüchterner Betrachtung politisches Handeln beginnt.

Derzeit wird Horst Seehofer ein Mangel an Christlichem vorgeworfen. Er gilt als Schwarzer Bube, der die Union an die Klippen des Scheiterns drängte. Zum unterirdisch schlechten Ansehen trug er selbst bei. Nur: Seine Politik ist im Ansatz richtig. Der Masterplan ist weniger für die Gegenwart als für die Zukunft ausgerichtet. Wie kann Politik verhindern, dass sich das Chaos vom Herbst 2015 wiederholt? Darüber grübelt der unselige Innenminister. Er findet auch richtige Antworten, nur ist er der falsche Mann, um sie durchzusetzen. Der Plan stimmt, nur wirkt der Urheber als Master of Desaster.

Palmen oder Psalmen?

Seehofer eine moralisch-religiöse Unterzuckerung zu unterstellen, ist vermessen – vor allem von Menschen, die sonst Psalmen kaum von Palmen unterscheiden können. Wer will das beurteilen? Noch etwas: Als Bundesminister ist er auf das Wohl des deutschen Volkes vereidigt. Das ist kein religiöser Schwur, sondern ein ziviles Gelöbnis. Auch Einheimische sind Nächste, sogar die Allernächsten. Es ist also moralisch vertretbar, wenn ein Minister zunächst deren Sorgen betrachtet und deren Bedürfnisse hütet. Mit der Eigenliebe der CSU und ihrer Höllenangst vor dem Verlust der absoluten Mehrheit hat das auch zu tun, aber nicht nur. Horst Seehofer ging auf Konfrontation, als der Wahlkampf noch weit entfernt war. Das war vor knapp drei Jahren, als er erstmals strikte Kontrollen einforderte. Sein Befund ist richtig, auch wenn die Tage ihres Urhebers gezählt sind. Die Umfragen sprechen eine deutliche Sprache. Die demoskopische Schrift an der Wand verheißt Unheil.

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