Man könnte Donald Trump – je nach Standpunkt – als Kriegstreiber, Aggressor und irrationalen Polit-Macho bezeichnen, der unterm Strich eine Gefahr für den Frieden ist. Und das nicht erst seit seinem jüngsten Angriff auf Syrien, der die Spannungen in der Region verschärft hat. Man könnte den US-Präsidenten aber auch einen temporären Humanisten nennen, der ein zweites Mal in seiner Amtszeit ein Zeichen gegen den nach Ansicht westlicher Regierungen kaum bestreitbaren Einsatz von Chemiewaffen gesetzt hat und damit jene "rote Linie" erzwingt, die sein Vorgänger Barack Obama 2013 für den syrischen Despoten gezogen hatte.

Dass die von Obama eingeleitete Diplomatie, nach der heute so viele rufen, mit Blick auf die Chemiewaffen gescheitert ist, daran besteht kein Zweifel. Syrien wollte das Waffenarsenal beseitigen, Russland es sicherstellen. Doch beide Nationen täuschten die Welt. Und Moskau hätte, wie in der Vergangenheit, neue belastende Fakten der Chemiewaffen-Inspektoren ohnehin bestritten.

Nach der Attacke drängen sich nun mehrere Schlussfolgerungen auf. Die erste: Die US-Regierung hat trotz der vorherigen Ankündigung Trumps, Syrien und Russland hätten einen "hohen Preis" zu zahlen, zusammen mit einer kleinen Koalition der Willigen einen überraschend maßvollen Militärschlag exerziert – wohl auf Drängen von Trumps Chef-Bremser, Verteidigungsminister James Mattis. Und sie hat ebenfalls klar gemacht: Die Politik Washingtons hat sich nicht verändert. Man will – und das wird den Kreml freuen – weiter keinen Regimewechsel in Damaskus. Es geht lediglich darum, die weltweite Ächtung von Chemiewaffen global zu unterstreichen.

Das zweite und wohl noch wichtigere Fazit: Eine massive Konfrontation zwischen den Großmächten wird es aller Voraussicht nach nicht geben. Wolfgang Ischinger, der kluge Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, hatte recht, als er vor unbegründeter Kriegspanik warnte und schnelle Vergleiche mit dem Kalten Krieg ablehnte. Trumps Antwort mit Augenmaß und wohl auch eine US-Geheimdiplomatie, die schon zu Zeiten der hochgefährlichen Kuba-Krise Erfolg hatte, werden es nicht dazu kommen lassen.

Scherbenhaufen der Syrien-Politik

Ischinger liegt allerdings auch mit seiner Feststellung richtig, die Welt stehe vor einem Scherbenhaufen der westlichen Syrien-Politik. In der Tat kann ein isolierter Warnschuss, wie ihn Trump jetzt abfeuern ließ, kein Gesamtkonzept für eine Befriedung der Region ersetzen, in der so viele Mitspieler mit unterschiedlichen Interessen um maximalen Einfluss ringen.

Die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright, die einst eine wesentliche Rolle bei der Beendigung der Konflikte in Bosnien und im Kosovo spielte, warnte vor unmittelbarer Befriedigung durch den Militärschlag. Diplomatie und Sanktionen müssten ein ebenso großer Stellenwert zugemessen werden. Das reduziert die Lösungssuche auf das Verhältnis zwischen den USA und Russland. Zwar sind sowohl Trump wie Putin politische Egomanen. Doch so weit liegen die Interessen der beiden nicht auseinander: Moskau will Assad als Einfluss-Garantie im Amt halten, das Weiße Haus hat nichts dagegen.

Trump will schnell aus Syrien heraus, Putin dürfte das mögen. Der Kampf gegen radikale Islamisten ist beiden Staatschefs ein Anliegen. Und die neuen US-Sanktionen, die russischen Großkonzernen so schaden, lassen sich schnell zurückfahren. Wenn dem Militärschlag nun endlich verstärkte Gespräche folgen – dann könnte aus den Morden von Duma auch etwas Positives erwachsen.

Angesichts der erkennbaren Absicht des an der Weltpolizisten-Rolle nicht dauerhaft interessierten US-Präsidenten, die amerikanische Präsenz schnell zu reduzieren und damit die USA als einen der zentralen Akteure aus Syrien zu entfernen, werden allerdings schon bald die EU und auch Deutschland stärker als je zuvor gefragt sein.