Das Wasser der Lagune schwappt an diesem Mittag mancherorts noch auf die Bürgersteige. Menschen in Gummistiefeln überqueren die Rialto-Brücke. Es nieselt, kaltes November-Wetter in Venedig.

Die Touristen strömen durch die Gassen zu den letzten Hochwasserpfützen am Markusplatz. Da beginnt in Ca'Farsetti, dem Sitz des Stadtrats von Venedig die bürokratische und politische Aufarbeitung der Katastrophe der vergangenen Woche.

Schäden sollen in die Milliarden gehen

187 Zentimeter hatte der Pegelstand erreicht, weite Teile der Stadt waren überschwemmt, sogar die Krypta des Markusdoms stand unter Wasser. Die Schäden sollen in die Milliarden gehen, behauptete Bürgermeister Luigi Brugnaro.

Touristen laufen auf dem überfluteten Markusplatz durch das Wasser. Bild: dpa
Touristen laufen auf dem überfluteten Markusplatz durch das Wasser. Bild: dpa | Bild: Andrea Gilardi

Unten im Empfangsraum des Rathauses zeigt ein Bildschirm den aktuellen Pegelstand an, es sind 85 Zentimeter über dem Normalstand. Viele Journalisten sind gekommen, um die Rede zur Lage der ehemaligen Republik von Bürgermeister Brugnaro zu hören.

Elektriker haben Hochkonjunktur

Schlecht geht es ihr, das ist kaum zu überhören. Brugnaro spricht von der „Apokalypse“, die Venedig vergangene Woche heimgesucht habe. Viele Geschäfts- und Privatleute säubern auch jetzt noch ihre Geschäfte und Wohnungen von den Spuren des Hochwassers. Elektriker haben Hochkonjunktur.

Leitungen, Steckdosen und Geräte sind vom Wasser zerstört worden. Als einzige Ursache für das Desaster nennt Brugnaro den Klimawandel. „Pagliasso“, ruft ein Zuschauer im Publikum. Das ist die venezianische Variante des Wortes Clown.

Allein den Klimawandel und mit ihm das Ansteigen des Meeresspiegels für die Springflut in Venedig verantwortlich zu machen, ist tatsächlich ein starkes Stück. Denn das bedeutet gewissermaßen, sich auf eine höhere Gewalt zu berufen, der man als Stadt nunmal ausgeliefert ist.

Was sind die Ursachen?

Venedig hat sich seinen Untergang über Jahrzehnte hingegen redlich erarbeitet. Einer der aktivsten Ankläger in dieser Hinsicht ist Alberto Vitucci, Journalist der Lokalzeitung La Nuova Venezia. Vitucci hat die Ursachen für Venedigs Fragilität dutzendfach beschrieben, auch jetzt ist er viel gesuchter Experte.

„Die Lagune muss gepflegt werden, aber das ist den meisten scheißegal“, behauptet der Journalist. Stattdessen wurde das Becken, in dem Venedig auf Pfählen steht, im vergangenen Jahrhundert systematisch zu Grunde gerichtet.

Eine Touristin trägt ihr Gepäck durch das Hochwasser auf dem Markusplatz. Bild: dpa
Eine Touristin trägt ihr Gepäck durch das Hochwasser auf dem Markusplatz. Bild: dpa | Bild: Luca Bruno

Zwei Industriegebiete, zusammen größer als Venedig selbst, wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts am Rand der Lagune in Marghera geschaffen. Die Lagune wurde kleiner.

Öltanker fahren durch den Kanal

Das Hochwasser findet seither weniger Abflüsse, die Amplituden steigen. Für den Bau der Industriegebiete wurde dem Lagunenboden unendlich viel Grundwasser entnommen, nachweislich sank die Stadt dadurch um 20 Zentimeter ab.

Als größte Sünde überhaupt aber empfinden Kritiker den Bau des Kanals für Öltanker durch die Lagune, die in den Raffinerien von Marghera ent- und beladen. Die Lagune ist durchschnittlich gerade einmal 1,50 Meter tief.

Die Kanäle für die großen Schiffe sind zwölf Meter tief und 50 Meter breit. „Für die Fluten ist das wie eine offene Schleuse in die Stadt“, sagt Vitucci. Wenn wie vergangene Woche extrem starke Winde das Wasser landeinwärts treiben, ist Venedig dem Wasser ausgeliefert.

Venezianer kaufen bei Hochwasser in einer überfluteten Bar ein.
Venezianer kaufen bei Hochwasser in einer überfluteten Bar ein. | Bild: Andrea Merola

Man müsste die natürlichen Sandbänke aufschütten und erhalten, um den steigenden und durch den Klimawandel immer unberechenbareren Fluten Einhalt zu gebieten, meint Vitucci.

Das venezianische Scheitern

Aber dazu sei kein Geld da. „Alles wurde in das Mose-Projekt gepumpt“, sagt der Journalist. Und damit wäre man beim eigentlichen Sinnbild des venezianischen Scheiterns. Seit 1995 werden die automatischen Schleusen an den drei Einfahrten zur Lagune geplant.

Fast sechs Milliarden Euro kostete das Projekt bisher, korrupte Manager bereicherten sich, Prozesse und Verzögerungen folgten. Ob die Staumauern am Lido gegen das Hochwasser eines Tages effektiv funktionieren werden, weiß man nicht. E

in Test Anfang November wurde wegen „unerwarteten Vibrationen“ am Meeresboden auf unbestimmte Zeit verschoben. Wenn man Venezianer nach Mose befragt, schütteln die meisten nur den Kopf. Sie fühlen sich auf den Arm genommen.

Das Hochwasser steht im Innenraum der San Moisè Kirche in Venedig.
Das Hochwasser steht im Innenraum der San Moisè Kirche in Venedig. | Bild: Claudio Furlan

Wie also Venedig retten? Die jüngste Idee ist eine alte. Die Venezianer wollen das Schicksal ihrer sterbenden und von Touristen überlaufenen Stadt selbst in die Hand nehmen in der Hoffnung auf eine Eindämmung des Tourismus.

Am 1. Dezember soll dazu eine Volksabstimmung abgehalten werden, die die Abspaltung Venedigs von der Stadt Mestre vorsieht. Beide bilden zusammen eine Kommune, Mestre allerdings hat knapp 200 000 Einwohner, Venedig gerade noch um die 50 000. Viermal misslang der Plan bereits. Die Chancen für eine Trennung sind nach dem Hochwasser so gut wie nie zuvor. „Die meisten Geschäftsleute in Venedig sind vom Festland, sie kommen aus Padua und Treviso“, sagt die venezianische Fremdenführerin Maria Grazia Gagliardi.

Selbst die Gondolieri wohnten in Mestre. So sei es gekommen, dass Venedig immer mehr zur Bühne eines großen Geschäfts werde, daran aber langsam zugrunde gehe.

Alle Hoffnungen liegen auf Mose

Das Projekt namens „Mose“ – kurz für Modulo Sperimentale Elettromeccanico – sollte eigentlich schon 2014 in Betrieb gehen. Dabei sollen riesige, ausfahrbare Barrieren an drei Eingängen in die Lagune das Hochwasser abhalten. Vor mehr als 15 Jahren begannen die Arbeiten, die knapp sechs Milliarden Euro kosten. Ein Korruptionsskandal verzögerte das umstrittene Mammutwerk allerdings. Auch gibt es seit jeher Kritik, dass ein Eingriff in das sensible Ökosystem der Lagune mehr schade als nutze. Die Großbaustelle Mose erstreckt sich über 20 Kilometer an der Lagune von Venedig.

Unesco-Kulturerbe: Venedig gehört seit 1987 zum Welterbe. Mit 1,87 Metern ist das derzeitige Hochwasser laut Mechtild Rössler, Direktorin des Welterbezentrums der UN-Kulturorganisation in Paris, das schlimmste seit 50 Jahren. Das Vorzeigeprojekt Mose, das bereits 1984 geplant wurde, stockte unter anderem wegen Korruptions- und Geldwäschevorwürfen. Der Bau sei mittlerweile zu 93 Prozent abgeschlossen und „wahrscheinlich“ im Frühjahr 2021 fertig, heißt es. Zuletzt hatten Ingenieure entdeckt, dass Teile der Konstruktion verrostet waren.

Andere Städte wie London oder Rotterdam werden mit ihrem Flutschutzsystem immer wieder als Beispiel herangezogen. Auch Städte wie Hamburg rüsten sich gegen Flutwellen. Die Stadt an der Elbe ist vor Sturmfluten oder steigendem Meeresspiegel infolge des Klimawandels vor allem durch eine 103 Kilometer lange, geschlossene Deichlinie geschützt.

Nordsee-Deiche: Ein Viertel davon sind Hochwasserschutzwände, der Rest sind Deiche. Die neu gebaute Hafenpromenade hält Wasser bis zu einer Höhe von 8,10 Meter über Normalnull stand. Auf diese Höhe sollen bis 2050 alle Deiche erhöht werden. Die Hafencity mit der Elbphilharmonie liegt vor dieser Deichlinie. Dort werden die Häuser so gebaut, dass das Leben oberhalb der Deichkrone stattfindet. Unterhalb dieser Höhe sind zudem keine Öffnungen erlaubt. (dpa/AFP)