„Jetzt ist es an uns, die Partei zusammenzuführen“, sagt Esken. Angesichts des Wahlausgangs – rund 53 Prozent der Teilnehmer waren für Esken/Walter-Borjans, 45 Prozent für Scholz/Geywitz – ist dies ebenso richtig wie schwierig. Gerade in den sozialen Medien war die Stimmung zuletzt hochgekocht.

„Wenn Olaf gewinnt, dann besteht die einzige Arbeit, die sich Leute mit einem sozialdemokratischen Rückgrat noch machen sollten, im Abschicken des Austrittsschreibens“, schrieb eine Twitter-Nutzerin. „Norbert Walter-Borjans hat als Finanzminister in NRW einen Schuldenberg hinterlassen und Saskia Esken hat in den vergangenen Monaten durch umfangreiches Nichtwissen geglänzt“, urteilte ein anderer.

Auch Politiker äußerten ihre Meinung zur Entscheidung der SPD-Mitglieder. Paul Ziemiak, Generalsekretär der CDU gratulierte den beiden Wahlsiegern.

Christian Linder von der FDP zeigte sich überrascht über die Wahl der Genossinnen und Genossen.

Die Partei ist gespalten

Umfragen belegen die Spaltung der Partei. In einer Ipsos-Erhebung wünschte sich jeweils eine knappe Mehrheit der SPD-Anhänger ein linkeres Profil der Partei (56 Prozent) – aber auch die Fortsetzung der GroKo (57 Prozent). Für Ersteres steht das Team Walter-Borjans/Esken, für Letzteres Scholz/Geywitz.

Das unterlegene Kandidaten-Duo Olaf Scholz (SPD), Bundesminister der Finanzen, und Klara Geywitz steht nach der Bekanntgabe des Ergebnisses der Abstimmung zum SPD-Vorsitz im Willy-Brandt-Haus.
Das unterlegene Kandidaten-Duo Olaf Scholz (SPD), Bundesminister der Finanzen, und Klara Geywitz steht nach der Bekanntgabe des Ergebnisses der Abstimmung zum SPD-Vorsitz im Willy-Brandt-Haus. | Bild: Jörg Carstensen/dpa

Auch prominente Sozialdemokraten trugen zur Polarisierung bei. Obwohl Generalsekretär Lars Klingbeil zur Zurückhaltung aufrief, sprachen sich SPD-Bundesminister und andere hochrangige Parteivertreter für Scholz und Geywitz aus. Die Bundestagsabgeordnete Esken erhielt in ihrer eigenen Fraktion wenig Unterstützung. All dies könnte am Ende die Esken/Walter-Borjans-Fans erst recht zum Aufstand gegen das Establishment angestachelt haben.

Am kommenden Wochenende stimmen die Delegierten ab

Die designierten Parteivorsitzenden haben angekündigt, in der Koalition auf neue politische Inhalte zu dringen und davon den Fortbestand des Regierungsbündnisses abhängig machen zu wollen. Zwar lehnte CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak ein Aufschnüren des Koalitionsvertrages noch am Samstagabend ab – aber womöglich gibt es doch noch Spielraum – wenn auch die Union neue Projekte in das Vertragsupdate einbringen kann. Das wiederum dürfte der SPD-Basis schwer zu vermitteln sein.

Gelingt eine Einigung nicht, bleibt den neuen Vorsitzenden nur der GroKo-Ausstieg, wollen sie nicht alle Glaubwürdigkeit verspielen. Bei SPD-Umfragewerten zwischen 13 und 15 Prozent, mit deutlichem Abstand nicht nur zur Union, sondern auch zu den Grünen, ist dies aber mindestens risikoreich – und dürfte die auf Stabilität Wert legenden Unterstützer des Konkurrenzteams vergrätzen.

Eine Schonfrist wird es für die beiden Neuen nicht geben. Bereits am Freitag soll der Parteitag sie formal in ihr neues Amt befördern. Bis dahin heißt es Fehltritte vermeiden, mitreißende Reden üben und mehrheitsfähige Vorlagen für die Delegierten schreiben. Erste Reaktionen von allen Seiten zeigen, wie groß der Druck auf das neue Spitzenduo ist.

Bleibt die GroKo über Weihnachten hinaus bestehen?

Besonders auf zwei Fragen, die viele Sozialdemokraten umtreibt, müssen Esken und Walter-Borjans überzeugende Antworten finden: Wie soll es nun konkret weitergehen mit der GroKo? Und wie kann es gelingen, das nun schon seit vielen Monaten anhaltende Umfragetief zu verlassen? Mit seiner Analyse, es warte ein „Riesenberg Arbeit“ auf ihn und Esken, trifft es Walter-Borjans ziemlich genau.

Und diesen Berg müssen sie bewältigen, ohne auf große bundespolitische Erfahrung oder ein eingespieltes Parteinetzwerk zurückgreifen zu können. Esken sitzt zwar seit 2013 im Bundestag, zählt aber nicht zu den bekannteren Abgeordneten. Walter-Borjans hat sich in seiner Zeit im NRW-Finanzministerium als eifriger Steuer-CD-Käufer bundesweit einen Namen gemacht, ist allerdings seit 2017 im Grunde Polit-Rentner.

Walter-Borjans und Esken haben nun Gelegenheit, Ruhm als Retter der SPD einzuheimsen. Doch ihnen dürfte auch bewusst sein, dass ihre ebenfalls einst als Hoffnungsträger gestarteten Vorgänger Martin Schulz und Andrea Nahles nach kurzer Amtszeit geschlagen von dannen ziehen mussten.

(AFP)