Es ist schon dunkel am Montagabend, als sich CSU-Generalsekretär Markus Blume und der Rieser Bundestagsabgeordnete Ulrich Lange im Kloster Seeon in ein ruhiges Eck zurückziehen. Fast wirkt es ein wenig konspirativ, wie sie da nacheinander in dasselbe, Langes Handy, sprechen.

Und es ist ja auch eine recht heikle Mission: Blume versucht, den muslimischen Unternehmer Sener Sahin davon zu überzeugen, doch noch für die CSU in Wallerstein als Bürgermeister-Kandidat ins Rennen zu gehen. Und der Politiker aus der Parteispitze gibt alles: „Er hat mir sogar angeboten, persönlich zur Nominierungsversammlung zu kommen, um die Vorurteile an der Wallersteiner CSU-Basis abzubauen“, berichtet Sahin unserer Redaktion. Blume hat da noch Hoffnung.

Fußballtrainer Sener Sahin geht lieber auf den Fußballplatz, als dass er sich die persönlichen Anfeindungen wegen seiner Bürgermeister-Kandidatur antut.
Fußballtrainer Sener Sahin geht lieber auf den Fußballplatz, als dass er sich die persönlichen Anfeindungen wegen seiner Bürgermeister-Kandidatur antut. | Bild: Dieter Mack

Doch es bringt alles nichts. Der CSU-Generalsekretär muss bei der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe nach einem weiteren Gespräch mit dem türkischstämmigen Sahin erklären: „Im Ergebnis kann ich sagen, dass er bei seinem Entschluss bleibt. Er möchte nicht antreten.“ In seinem Bedauern darüber reiht sich Blume ein in die Bewertung anderer hochrangiger CSU-Politiker: „Wir hätten Herrn Sahin für einen sehr, sehr guten Kandidaten gehalten“, sagt der CSU-Generalsekretär.

Nach Protesten aus dem CSU-Ortsverband in Wallerstein (Landkreis Donau-Ries) hatte der 44-Jährige Sahin seine Bewerbung als CSU-Bürgermeisterkandidat zurückgezogen, nachdem er zuvor vom örtlichen Vorstand zur Kandidatur ermuntert worden war. Sahin zufolge hatten von den 15 Kommunalwahl-Kandidaten der Wallersteiner CSU mindestens drei mit einem Rückzug gedroht, für den Fall, dass Sahin auf der Ortsverbands-Versammlung an diesem Donnerstag zum Bürgermeisterkandidaten gewählt werde.

Breites Medienecho: Aber Sahin sagte alle Interviewwünsche ab

Der Beinahe-CSU-Kandidat versucht in seinem Heimatort vergeblich, wieder zum Alltag überzugehen. Das schmucke Einfamilienhaus im Neubaugebiet von Wallerstein wirkt zwar von außen beinahe so, als ob die Familie im Urlaub weilt, drinnen ist es aber mit der Ruhe nicht weit her. Zahlreiche Rundfunk- und Fernsehsender, auch türkische, haben Interviewwünsche geäußert, die der 44-Jährige allesamt abgelehnt hat.

Das Telefon steht sowieso nicht still, neben Markus Blume und Ulrich Lange haben aus Kreisen der CSU noch Nördlingens Altoberbürgermeister Paul Kling und Landrat Stefan Rößle angerufen. „Ich hatte noch keine Sekunde Zeit für meine Arbeit“, stellt Sener Sahin resigniert fest.

Ortsvorsitzender muss sich mit Kritik auseinandersetzen

Nicht anders ergeht es dem ins Kreuzfeuer geratenen CSU-Ortsvorsitzenden Georg Kling, der als Viehhändler naturgemäß vor allem mit Landwirten der Region zu tun hat. Von jedem zweiten Kunden werde er auf den „Fall Sahin“ angesprochen, sagt Kling, und die Gefühlslage sei zwiespältig.

„Die einen hätten Sahins Kandidatur befürwortet, andere üben Kritik.“ Ähnlich sei die Stimmungslage bei Wallersteins Bürgern, glaubt Kling, und zwar auch bei Nichtmitgliedern der CSU: „Es ist bei weitem nicht so, dass nur drei, vier Gemeinderatskandidaten Sahin zum Rückzug bewogen haben.“

Auch der örtliche CSU-Chef möchte gerne zum Tagesgeschäft zurückkehren und wollte sich auf die Nominierungsversammlung der CSU-Gemeinderatsliste am Abend konzentrieren. Sener Sahin war hier ebenfalls als Kandidat vorgesehen und hat auch für diese Aufgabe abgesagt. Er will noch nicht mal zu der Versammlung im Sportheim des SC Wallerstein gehen.

„Ich weiß genau, was ich am Donnerstag tue“, sagte Sahin zuletzt, „nämlich Hallenfußball spielen mit unserer AH-Gruppe.“ Klingt so, als ob er seinen Ausflug in die Kommunalpolitik möglichst schnell abhaken möchte.

Türkische Gemeinde sieht ein Muslim-Problem in der CSU

Kritik kommt derweil auch von der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) gegenüber den „anti-muslimischen Anfeindungen“. „Wir hätten uns gewünscht, dass Entscheidungsträger in dieser Partei sich mit Herrn Sahin stärker solidarisieren und ihn unterstützen“, sagte TGD-Vorsitzender Gökay Sofuoglu.

Die Türkische Gemeinde erwarte vom bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Parteivorsitzenden Markus Söder (CSU) „ein deutliches Signal gegen anti-muslimische Anfeindungen innerhalb seiner Partei“. Der Vorfall zeige, dass Teile der CSU immer noch nicht in der Einwanderungsgesellschaft angekommen seien.