Am Ende einer langen Tarifrunde ändern sich mit einem Schlag die Argumente der Unterhändler. In der diesjährigen Metallrunde haben sie sich nach allen Regeln des kalkulierten Konfliktes beharkt. Die Arbeitgeber nannten die Forderung der IG Metall rechtswidrig und reichten sogar Klage gegen die erstmals eingesetzten ganztägigen Warnstreiks ein. Die Gewerkschafter richteten mit der neuen Form des Arbeitskampfes hohen Schaden an. Viele Betriebe, die an der Kapazitätsgrenze arbeiten, können die ausgefallene Produktion nur schwer nacharbeiten.

Der zelebrierte Kampf hat stets ein doppeltes Ziel: Er soll die Gegenseite weich kochen und im eigenen Lager für Rückhalt sorgen. Man kann davon ausgehen, dass auch in der vergangenen Woche trotz der hitzigen Reden vor den Werkstoren beide Seiten hinter den Kulissen den Gesprächsfaden nicht abreißen ließen. Das letzte Kapitel des Rituals ist dann das beiderseitige Lob, wenn der Kompromiss steht.

Ausgewogen ist ein Abschluss, wenn es keine klaren Sieger gibt. Beide Seiten können Erfolge vorweisen, beide müssen ein paar schwer verdauliche Kröten schlucken. Die Einigkeit kam aber auf dem Rücken der Betriebe zustande, die das komplizierte Vertragswerk umsetzen müssen. Da ist Ärger programmiert. Die Metaller haben traditionell eine hohe Fertigkeit bei der Ausarbeitung ihrer tarifpolitischen Regeln. Aber in diesem Jahr haben sie sicherlich eine neue Stufe ihrer Kunst erreicht. Besonders Mittelständler werden damit überfordert. Die Unterhändler müssen aufpassen, dass sie in ihrer Regelungswut die Akzeptanz für den Flächentarif nicht aufs Spiel setzen.

Vieles an dem Tarifvertrag erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Zunächst sieht die prozentuale Erhöhung um 4,3 Prozent wie ein großer Erfolg der Gewerkschaft aus. Aber der Lohnaufschlag gilt für zwei Jahre. Das macht die Sache für die meisten Unternehmen akzeptabel. Denn die Branche brummt wie lange nicht.

Als großen Erfolg feiert die IG Metall die „kurze Vollzeit“, also den Anspruch auf befristete Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Die Regelung stärkt die Position der Beschäftigten, die kürzertreten wollen. Das ist populär. Aber eine ähnliche Regelung hätte der Branche ohnehin gedroht, wenn Union und SPD in Berlin ihren Koalitionsvertrag umsetzen. Den eigentlichen Kern ihrer Forderung konnte die Gewerkschaft dagegen nicht durchsetzen. Einen Zuschlag für Beschäftigte, die wegen der Erziehung von Kindern, der Pflege von Angehörigen oder Schichtarbeit vorübergehend weniger arbeiten wollen, wird es nicht geben. Da hat sich die Gewerkschaft vergaloppiert. Die unter großen Geburtswehen gefundene Alternativlösung mit dem Tausch von Lohnbestandteilen in freie Tage wahrt ihr nur mühsam das Gesicht. Ohne finanziellen Ausgleich wird das Interesse an dem Modell sicher stark nachlassen.

Nicht alle wollen weniger arbeiten

Als Erfolg verbuchen die Arbeitgeber die Ausweitung der Arbeitszeit. Das geht über den rechnerischen Ausgleich für den Ausfall durch die 28-Stunden-Woche hinaus. Für Unternehmen, die händeringend nach Fachkräften suchen, ist das eine wichtige Lockerung. Es ist ja nicht so, dass alle Metaller weniger arbeiten wollen. Selbst in der Umfrage der Gewerkschaft habe viele angegeben, sie würden auch 40 Stunden akzeptieren. Immerhin wird der Kompromiss beiden Interessen gerecht.

Die Metaller haben einen Abschluss ausgehandelt, von dem andere nur träumen. Beflügelt durch die Hochkonjunktur und Mini-Inflationsraten sind die Reallöhne einmal mehr stark gestiegen. Das hat Folgen für die Tarifrunde im öffentlichen Dienst. Die Gewerkschaft Verdi fürchtet, dass Krankenschwestern und Erzieherinnen weiter abgehängt werden. Die Diskussion, ob Arbeit am Menschen weniger Wert ist als das Bauen von Autos, hat begonnen. Die Metaller müssen aufpassen, dass sie das Wohlwollen der Gesellschaft für ihre Tarifpolitik nicht aufs Spiel setzen.