Das Amt muss zum Mann kommen, nicht der Mann zum Amt." Von allen Politikweisheiten ist diese diejenige, die auf des designierten bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder am allerwenigsten zutrifft. Er hat zwar nicht wie weiland Gerhard Schröder am Kanzleramt an den Toren gerüttelt, aber geradezu übermenschliche Anstrengungen unternommen, damit er endlich den Chefsessel in der Staatskanzlei einnehmen kann. Auf CSU-Politiker Söder passt eher die praktische Erkenntnis: "Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr."

Man muss schon lange suchen, um jemanden zu finden, der so lange fleißig und zielstrebig an seiner politischen Karriere gearbeitet hat wie der Nürnberger Maurersohn. Mit 27 Jahren wurde Söder Landesvorsitzender der Jungen Union. Schon damals wusste er virtuos auf der Klaviatur der Macht zu spielen. "Stützen oder stürzen", empfahl er, als die Dämmerung von CDU-Kanzler Helmut Kohl herauf zog. An diese Devise hat er sich gehalten. Doch versteht Söder unter "Stürzen" nicht unbedingt den Kampf mit offenem Visier. Seine Fähigkeit zum Netzwerken und deren intriganter Form, nämlich Strippenziehen, ist in der CSU geradezu legendär. Unter dem Begriff "Schmutzeleien" fasste Horst Seehofer vor fünf Jahren die Aktivitäten seines Finanzministers zusammen.

Doch fünf Jahre sind in der Politik eine Ewigkeit. Seehofer, von den Umständen zur Kooperation mit Söder gezwungen, will sich heute an die damaligen Schimpfkanonade nicht mehr so recht erinnern. Und Söder wiederum ist sich keiner Schmutzelei bewusst. "Wir sollen alle brav sein", bekannte er erst wenige Tage vor seiner Nominierung als Ministerpräsident, "Daran halte ich mich sowieso." Der Mann bewies schon bei verschiedenen Maibock-Anstichen im Münchener Hofbräuhaus kabarettistische Qualitäten.

Söder ist Macher und Showman, kein Ideologe. Man wird kaum eine Äußerung von ihm finden, die auf politische Grundeinstellungen oder visionäre Ziele hindeutet. Vielmehr war und ist Söder Bewunderer von Franz Josef Strauß, der einmal empfohlen hatte, die eigenen Grundsätze so hoch zu hängen, dass man bequem noch darunter hindurch schlüpfen könne.

Söders Gegner werfen ihm vor, hauptsächlich auf Bilder in den Medien scharf zu sein und ansonsten eher dünne Bretter zu bohren. Tatsächlich lässt der 50-Jährige keine Gelegenheit aus, sich in Szene zu setzen. Er spielte in der TV-Serie "Daheim ist daheim" mit, nimmt Faschingsorden entgegen und macht auch dem Bernhardiner-Zuchtverein medienwirksam seine Aufwartung. Man würde Söder aber Unrecht tun, wenn man seine Aktivitäten auf Strippenziehen und Medienarbeit reduzieren würde. Zu den schwierigsten Aufgaben in seiner Zeit als Finanzminister gehörte die Bewältigung der Landesbank-Krise. Tatsächlich ist es Söder gelungen, dass der Freistaat aus dem Landesbank-Desaster glimpflicher heraus kam als andere Länder mit deren Geldinstituten.

In den letzten Jahren als Finanz- und Heimatminister hat Söder hart an dem Image "zuverlässig und seriös" gearbeitet – durchaus mit Erfolg. So schaffte er es, sich nach anfänglicher erheblicher Skepsis eine breite Machtbasis in der CSU-Landtagsfraktion aufzubauen – während Seehofers Unterstützung bröckelte. Der bisherige Ministerpräsident hatte wohl auch zu oft zu erkennen gegeben, dass er die politischen Fähigkeiten seiner Landespolitiker für ausbaufähig erachtet.

Bei Söders Netzwerk-Bemühungen spielen auch Job-Zusagen eine Rolle – oder wenigstens das Inaussichtstellen von Karrieremöglichkeiten. Der jüngste Ministerpräsident in der Nachkriegsgeschichte Bayerns steht jetzt vor einem Berg an Erwartungen von Parteifreunden, der abgearbeitet werden will. Die Zahl der Kabinettsmitglieder ist durch die Verfassung auf 18 begrenzt. Der neue Ministerpräsident könnte wahrscheinlich die doppelte Zahl gebrauchen.