Boris Johnson macht derzeit vor allem zwei Dinge: Stimmung und Schlagzeilen. Seit Wochen kämpft er dafür, dass die Briten am 23. Juni beim Referendum über die Mitgliedschaft in der EU für den Austritt stimmen. So attackierte er etwa Barack Obama anlässlich seiner Europareise scharf für dessen Einmischung in die hitzige Debatte und sorgte für Entrüstung, weil er sich abfällig über die kenianischen Wurzeln des US-Präsidenten äußerte. Ging er damit nicht zu weit? Der Noch-Bürgermeister von London mit dem schief geschnittenen Blondschopf sah das keineswegs so, sondern trat lieber noch einmal nach. Immerhin weiß der 51-Jährige: Bislang ist ihm noch jeder Patzer verziehen worden. Er ist ein Schauspieler, der mit Selbstironie, brillanter Rhetorik und tollpatschig anmutendem Charme Pointen setzt, seine Fans zum Schmunzeln und seine Gegner zum Verzweifeln bringt. Auch sachliche Unkenntnis, die immer wieder auch beim Thema EU offenbar wird, versteckt er häufig hinter seiner Schlagfertigkeit. Kein anderer britischer Politiker inszeniert sich so geschickt wie der wortgewaltige Konservative. Auch deshalb hat er sich selbst zur Leitfigur der Brexit-Kampagne stilisiert. Er genießt die Rolle sichtlich.

 

London wählt

Am Donnerstag wählen die Londoner einen neuen Bürgermeister, doch im Rathaus dürfte Johnson ohnehin nur noch gelegentlich vorbeischauen. Unentwegt ist er politisch unkorrekt auf Anti-EU-Tour: „The Brexit Blitz“, nennt er seine kleinen Reisen, und allein der Titel klingt so, als wäre das Referen­dum ein einziger Witz. Der Clown Boris Johnson könnte aber das Zünglein an der Waage sein. Schon einmal hat er so etwas wie ein politisches Wunder vollbracht, als der Konservative 2008 im linken London gegen den damaligen Bürgermeister Ken Livingstone von Labour gewann. Und dann noch einmal. Zuvor war Johnson Journalist, unter anderem bei der „Times“, wo er als Reporter gefeuert wurde, weil er ein Zitat eines Professors erfand. Vorlaut, scharfzüngig, europaskeptisch – so machte er sich als Kolumnist und Komiker im Anschluss einen Namen. Weil er sagt, was er denkt, sorgt er für einen unterhaltsamen Farbtupfer in der bisweilen grauen Welt des Polit-Establishments. Dem gehört er zwar ebenso an – er wurde im Eliteinternat Eton sowie in Oxford ausgebildet. Und obwohl seine spontan wirkenden Auftritte meist perfekt orchestriert sind, wirkt er wie einer zum Anfassen.

Dabei wird seine Leistung als Stadtoberhaupt von vielen als äußerst dürftig betrachtet. Die Metropole ächzt wie nie unter stetig steigenden Kosten des öffentlichen Nahverkehrs, einem chronischen Mangel an Wohnraum und explodierenden Immobilienpreisen, die Normal- und Geringverdiener vertreiben. Eine Lösung darauf hat Johnson nicht gefunden. Viele erfolgreiche Projekte, mit denen er sich schmückt, wie etwa die neue Bahnlinie Crossrail, die Olympischen Spiele oder die öffentlichen Fahrräder, nur „Boris-Bikes“ genannt, gehen auf das Konto seines Vorgängers Livingstone. Laut Tony Travers, Professor an der London School of Economics, sei die Bilanz Johnsons „vor allem für ihn selbst nicht schlecht“.