Zuerst ist es eine beachtliche Leistung für eine kleine Partei, an einem Feiertag am Ende der Weihnachtsferien 1400 Anhänger für eine politische Kundgebung zu mobilisieren. Dass der FDP dies beim diesjährigen Dreikönigstreffen in Stuttgart trotz der Turbulenzen nach ihrem Ausstieg bei den Sondierungen über eine Jamaika-Koalition gelungen ist, zeigt ihre intakte Basis. Die Stimmung bei den Liberalen ist erstaunlich gut. Öffentlich ist kaum Kritik am Kurs von Parteichef Christian Lindner wahrnehmbar. Beim Parteitag der Südwest-FDP vor der Kundgebung bleibt das Scherbengericht aus. In der Aussprache äußern nur zwei Delegierte Zweifel am Verzicht auf die Regierungsbeteiligung in Berlin. Und da geht es mehr um die Vermittlung des Abbruchs, also um das "wie", weniger um das "ob". Die liberale Seele ist einstweilen zufrieden mit der von Lindner gewählten Oppositionsrolle. Dazu kommt ein unerwartet großer Mitgliederzulauf. Das alles hilft bei der internen Konsolidierung nach dem unerwartet erfolgreichen Jahr 2017.

Ganz anders stellt sich die Lage für die Liberalen in der Öffentlichkeit dar. Die Partei, die im September mit 10,7 Prozent in den Bundestag zurückgekehrt ist, hat nach dem Jamaika-Aus seit Ende November in Umfragen deutlich verloren. Richtiggehend in den Keller gerauscht sind Lindners persönliche Popularitätswerte. Besonders schmerzhaft ist die harsche Kritik aus der Wirtschaft, die große Hoffnung auf eine Regierungsbeteiligung der FDP als Korrektiv zu den Grünen gesetzt hat. Etwas flapsig bewertet mancher Liberale nun den Zwist als Beweis, dass die modernisierte Partei eben nicht mehr von den traditionellen Lobbygruppen abhängig ist. Aber irgendwo müssen die großen Spenden ja auch in Zukunft herkommen.

Erst allmählich erkennt Lindner, dass die FDP vor allem durch seine wechselnden Begründungen für den Abbruch der Sondierungen mit Union und Grünen einen erheblichen Vertrauensverlust erlitten hat. Nun redet er die Lage mit dem Hinweis schön, man gestalte aus der Opposition mit. Diese Möglichkeiten sind überschaubar. Da kann er sich bei seinem Stuttgarter Parteifreund Hans-Ulrich Rülke erkundigen, der sich mit großem Aufwand im Landtag der FDP Gehör verschafft. Liberale Positionen hat er gegen Grün-Schwarz aber noch nicht durchgesetzt. Und ob sich die Hoffnung erfüllt, dass die FDP nach den Wahlen in Bayern und Hessen ihren Regierungswillen demonstrieren darf, ist ziemlich offen.

In seiner Rechtfertigungsnot überhöht Lindner seinen Schachzug ins Groteske, wenn er die Flucht vor der Verantwortung zur staatspolitischen Rettungstat verklärt. Dabei gibt es ja durchaus nachvollziehbare Gründe für das Zaudern. Denn nach vier Jahren parlamentarischer Abstinenz und vielen politischen Neulingen wäre eine spannungsgeladene Koalition mit Union und Grünen eine riskante Aktion gewesen. Die Angst, dass man durch Angela Merkel erneut klein regiert würde, war groß. Aber die Verantwortung für eine funktionsfähige Regierung der gebeutelten SPD vor die Tür zu kippen, ist das Gegenteil von staatsmännisch.

Eine schlüssige Antwort auf die aktuelle Herausforderung hat Lindner in Stuttgart nicht geliefert. Der Hinweis, er fürchte Neuwahlen nicht, klingt ein wenig nach Pfeifen im Walde. Die Hoffnung auf eine Zeit nach Merkel wird sich so schnell kaum erfüllen. Denn die CDU hat schlicht keine personelle Alternative. Und die FDP als Zehn-Prozent-Partei macht sich lächerlich, wenn sie bei ihrem Wunschpartner CDU immer wieder auf einen Wechsel an der Spitze drängt. Es könnte durchaus sein, dass nach einer Neuwahl die Machtperspektive für die Liberalen schlechter ist und sie erneut vor der ungewissen Reise nach Jamaika stehen.

Die Liberalen haben sich in den letzten vier Jahren auf Gedeih und Verderben an den Überflieger Lindner ausgeliefert. Der Vorsitzende hat die Partei nach seinen Vorstellungen und den Regeln modernen Marketings geformt. Bei den Wahlen des letzten Jahres war das erfolgreich. Nun werden in der geschlossenen Linie erste Risse sichtbar, weil Lindner nicht frei von Eitelkeit ist und zu viel Macht für sich beansprucht. Das Dreikönigstreffen hat er gut überstanden. Die eigentliche Herausforderung ist aber der politische Alltag. Da muss er liefern.