Sehr geehrter Herr Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender,

manches Mal verstehe ich die Welt nicht mehr. Jahrelang warf man Ihnen und der evangelischen Kirche vor, dass Sie immer nur Dinge fordern würden, statt sie zu tun. Sie würden, so die Kritik, eine bessere Klimapolitik verlangen, statt in den eigenen Pfarrhäusern und Kirchen mit Wärmedämmung zu beginnen. Oder die Grundtemperatur auf kernige 17 Grad zu trimmen. Beten kann man auch in dicken Socken und im Schal.

Diesem Gerede treten Sie jetzt entgegen. Sie starten eine gewagte Rettungsaktion: Mit der „United 4 Rescue“ wollen sie Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten. Dafür haben Sie ziemlich viel aufs Spiel gesetzt. Sie zimmerten ein Bündnis mit 150 Partnern. Ihren Landeskirchen entlockten Sie bis zu sechsstellige Beiträge. Ihr katholischer Kollege Kardinal Marx legt 50 000 Euro obendrauf, damit Sie ein ordentliches Schiff zu Wasser lassen können. Den sprichwörtlichen Seelenverkäufer können Sie sich nicht leisten!

Schelte für eine gute Idee

Und dann das: Sie tun Gutes und bekommen dafür Prügel, und zwar nicht nur die übliche Internetschelte. Inzwischen gehen Morddrohungen bei Ihnen ein, nur weil Sie Menschen retten wollen. Wie krank muss man eigentlich sein, um gegen Rettungsschiffe zu sein?

Als Kirchenmann wissen Sie am besten, was es mit Schiffen auf sich hat: In der Bibel wird häufig über Seefahrer berichtet. Jonas steigt auf ein Schiff und geht erst einmal unter. Paulus nutzt dieses Verkehrsmittel – der Flixbus der Antike – mit mehr Erfolg und missioniert das Mittelmeer.

Der Plan hat auch eine Schwäche

Natürlich, eine Frage lassen Sie offen: Wer nimmt die Menschen auf, die Ihre Arche Noah auffischen wird? Spannend wird die Seenotrettung, sobald ein sicherer Hafen gesucht wird. Malta und Italien sind sehr zurückhaltend, aus verständlichen Gründen. Diese Länder tragen ohnehin die Hauptlast. Wohin also mit den Flüchtlingen? Die Antwort steht noch aus, während Sie bereits das Schiff ausrüsten. Darin liegt die Schwäche Ihres Planes – die einzige Schwäche.

Doch kann das kein Grund sein, nichts zu tun. Sie wollten nicht länger von der Kanzel herunter zusehen. Wer nichts macht, macht nichts falsch? Der Weisheit letzter Schluss kann das wohl nicht sein.

Achtung, Abendland

Kardinal Marx und Sie werden jetzt von der AfD kritisiert für ihren Rettungsplan. Ausgerechnet! Das ist doch derselbe Verein, der sich sonst immer mit der Rettung des Abendlands brüstet. Hat Abendland nicht etwas mit Nächstenliebe zu tun? Lassen Sie sich nicht von diesen Redensarten beeindrucken und schon gar nicht unterkriegen. Der Widerstand von dieser Seite zeigt doch, dass Sie auf der richtigen Spur sind.

Und, nur so am Rande bemerkt: Der jetzt aufkommende raue Wind tut der evangelischen Kirche gut, die gelegentlich profillos auf den Wogen des Zeitgeists schippert. Nun zeigen Sie Flagge. Sie wagen sich hinaus. Das überzeugt mich mehr als mancher wohlfeile Ratschlag an „Politik und Gesellschaft.“ Sie trauen sich was. Respekt!

Mit freundlichen Grüßen,

Bild: Fricker, Ulrich

Redakteur in der
Politik-Redaktion