Sehr geehrte Frau Wagenknecht,

herzlichen Glückwunsch zum politischen Ruhestand! Dem Bundestag bleiben Sie zwar erhalten und auch als Talkshowgast werden wir Sie, da bin ich mir sicher, noch des Öfteren wiedersehen. Aber dennoch: Das große politische Rad werden Sie nach dem Abschied von der Linken-Fraktionsspitze nicht mehr drehen. So wartet auf Sie und Ihren Mann Oscar Lafontaine von nun an mehr Beschaulichkeit. Sie sei Ihnen gegönnt!

Nie die Richtige für den Job

Der Rückzug ist die richtige Entscheidung. Wenn ich das aus der Ferne richtig beobachtet habe, war der Burn-out in diesem Frühjahr vor allem die Folge parteiinternen Zwistes. Unzählige Richtungsstreitigkeiten mit den Bundesvorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger forderten ihren Tribut. Dazu kommen die Unstimmigkeiten in der Fraktion, die Sie hätten schlichten und moderieren sollen – dabei sind Sie doch mehr fürs Polarisieren und fürs Einzelkämpfertum gemacht! Mal ehrlich: Eigentlich waren Sie nie die Richtige für den Job.

Sie und die Linke passen nicht zusammen

Die Linke und Sie – irgendwie passt das auch inhaltlich nicht mehr. Während die Linke kollektiv den Slogan „Kein Mensch ist illegal“ summte, kamen von ihnen zum Thema Flüchtlingspolitik ganz andere Töne: „Offene Grenzen für alle – das ist weltfremd.“ Bei CSU-Mann Horst Seehofer dürften Sie seither einen Stein im Brett haben, aber nicht bei Ihren Freunden. Denen sagten Sie zudem nach, sie würde sich mehr für Lifestyle-Themen und Randgruppen interessieren, als für die Nöte des kleinen Mannes. Das kam gar nicht gut an.

So falsch lagen Sie bei beidem nicht. Dass die Linke nicht mehr der Ansprechpartner Nummer eins für die Abgehängten (oder die, die sich dafür halten) ist, kann man an den Landtagswahlergebnissen in Sachsen und Brandenburg ablesen. Gut lief es für die Partei zuletzt nur in Thüringen, wo mit Bodo Ramelow ein verkappter Sozialdemokrat das Ruder führt.

Ein klares Profil, das fehlen wird

Es sieht alles andere als rosig aus für die Linke, und ohne Sie als prominente Figur gewiss noch schlechter. Ihr Mut zum eigenen Gedanken, Ihre Wortgewandtheit, Ihr Intellekt, und ja, auch Ihre divenhafte Ausstrahlung werden der Linken fehlen. Es gibt nicht sehr viele Politiker mit einem so klaren Profil. Das wissen auch Bürger zu schätzen, die inhaltlich nicht mit Ihnen übereinstimmen.

Aber was kommt danach?

Frau Wagenknecht, wie wir Sie und Ihren Mann kennen, muss das nicht das Ende der Geschichte sein. Herr Lafontaine hat den schnellen Rückzug ja quasi erfunden – kurze Zeit später folgte der Parteiwechsel... Man kann also durchaus gespannt sein auf das, was das linke Power-Paar aus dem Saarland demnächst so alles ausheckt. Von der Abspaltung in eine Volkslinke bis zur Übernahme der geschwächten SPD scheint alles möglich.