Nachdem der Traum von Jamaika geplatzt ist, stehen die Grünen vor schweren Zeiten. Doch viele in der Partei merken das offenbar gar nicht. Die Stimmung ist ziemlich gelöst, manche, vor allem Angehörige des linken „Fundi“-Flügels, scheinen fast erleichtert, dass ihnen das Regieren erspart bleibt. Und dass es die FDP war, die die Sondierungen zum Scheitern gebracht hat. Es war ja durchaus zu befürchten gewesen, dass die grünen Unterhändler die Gespräche abbrechen. Oder die Parteibasis die Reißleine für Jamaika zieht. So bleibt beim Parteitag der Hauskrach aus, der einer Entscheidung über Jamaika unweigerlich vorausgegangen wäre. Das Spitzenpersonal trauert zwar der verpassten Regierungsbeteiligung nach und klopft sich für seine Erfolge bei den Sondierungsgesprächen auf die Schulter. Vieles aber dient erkennbar der Legendenbildung. Was hätten die 14 furchtlosen Sondierer den garstigen Partnern Union und FDP nicht alles abgetrotzt: Den Einstieg in Kohleausstieg und Agrarwende angestoßen, das Ende der Waffenexporte nach Saudi-Arabien und Milliarden Euro für Kinder und Pflegebedürftige herausgeholt, sogar den Familiennachzug für Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus. Hätte, hätte, Fahrradkette – das wusste schon Peer Steinbrück, der gescheiterte SPD-Kanzlerkandidat von 2013.

Tatsächlich haben die Grünen zur Stunde gar nichts erreicht. Alle vermeintlichen Erfolge haben sich mit dem Ausstieg der FDP aus den Sondierungen wieder in Luft aufgelöst. Die Grünen stehen mit leeren Händen da. Nach Lage der Dinge werden sie wohl nicht an der nächsten Bundesregierung beteiligt sein. Statt dessen drohen ganz harte Jahre in der Opposition. Und zwar als kleinste aller Fraktionen im Bundestag – das sollte die Partei besser nicht vergessen. Auch die Grünen zählten bei der Bundestagswahl vom 24. September zu den Verlierern. Keine neun Prozent der Wählerstimmen – das war zwar nicht so schlecht wie kurz zuvor befürchtet, doch weit unter der erhofften Zweistelligkeit. Statt dritte Kraft zu werden, wie es das Ziel war, sind die Grünen hinter FDP, AfD und Linkspartei nun die Kleinsten unter den Kleinen.

Und sollte es tatsächlich zu einer neuen Großen Koalition kommen – dann wären Union und SPD, die beiden natürlichen Koalitionspartner, die Gegner. Zuletzt sind die Grünen ja vor allem näher an die CDU herangerückt, die sich ihrerseits nach links bewegt hat. Nach den schwarz-grünen Verbrüderungsszenen während der Jamaika-Gespräche würden Angriffe gegen eine künftige Regierung unter Angela Merkel kaum authentisch wirken. Auch wird es schwierig, inhaltlich wieder zu den radikaleren Positionen vor den Jamaika-Sondierungen zurückzukehren. Die erzielten Kompromisse – etwa in der Flüchtlingspolitik – könnten strategisch noch zum Bumerang werden. Wer soll es den Grünen abnehmen, wenn sie in der Opposition eine Politik kritisieren, die sie mitgetragen hätten, wenn sie selbst an die Macht gelangt wären? Die Partei kann schwerlich die reinen grünen Blütenträume pflegen, nur um davon abzurücken, wenn es einst wieder ums Regieren geht.

Da droht ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Die Grünen, die in den vergangenen Jahrzehnten viele wichtige Impulse gesetzt haben in der Bundesrepublik, dürfen Jamaika jetzt nicht allzu lange nachweinen. Eine gemeinsame Regierung mit Union und FDP hätte wahrscheinlich ohnehin nur in Dauerstreit oder gar Scheitern geendet. Nicht nur mit den Koalitionspartnern hätte es wohl heftig gekracht, sondern auch und besonders heftig zwischen den chronisch zerstrittenen Flügeln der Partei. Immerhin hat die Beinahe-Regierungspartei in den Sondierungen gezeigt, dass sie durchaus geschlossen und kompromissbereit auftreten kann, wenn es die Situation erfordert. Auf diese neu entdeckten Stärken und den alten Kampfgeist müssen sich die Grünen besinnen – sonst wird es schwierig, die drohenden Jahre in den tiefsten Niederungen der Opposition auch nur einigermaßen unbeschadet zu überstehen.