Wir wollen sie nicht beherrschen, wir wollen mit ihnen als verlässlichen und verantwortungsvollen Nachbarn leben. Schon jetzt sind 200.000 palästinensische Familien von der israelischen Wirtschaft abhängig. Im Gazastreifen werden hingegen Raketen hergestellt... Wir glauben eher an einen Prozess von unten als an Entscheide, die von oben gefällt werden. Verträge, die in Oslo oder im Weißen Haus ausgehandelt werden, sind letztlich sinnlos. Israeli und Palästinenser leben und arbeiten ja bereits zusammen und sind aufeinander angewiesen. Wir brauchen keine Konferenzen und ausländischen Interventionen. Wir sagen: Lasst uns allein! Das Wichtigste sind die Ökonomie, Arbeitsplätze, Infrastruktur, Wasser, Energie.“ Das sagte Moshe Yaalon, damals noch Israels Verteidigungsminister, Anfang des Jahres in Zürich. Danach wächst die Palästinenserfrage sich gleichsam aus. Auch wenn ein voreingenommener, anmaßender Westen sie unbedingt auf der internationalen Agenda halten möchte. Die Palästinenser sind hier eine arbeitende Bevölkerung, die ihr Auskommen und ihren Aufstieg in der Koexistenz und Zusammenarbeit mit Israel sucht und längerfristig auch findet. Kein Volk unter Fremdherrschaft. Keine Nation, die ihre Geschichte kennt und ihre Rechte einfordert – wenn auch die junge Generationen kaum mehr an eine Zweistaatenlösung glauben und sich noch von Abbas oder der Hamas vertreten fühlen dürfte.

Ebenso befremdlich an diesem Bild vom unaufhaltsamen Zusammenwachsen der beiden Völker ist die Ausblendung der anderen Seite der Medaille: der Rückwirkung der Besatzung auf die Besatzer selbst. Sie war in Israel nie tabu. Sie ist hier immer wieder öffentlich und schonungslos ausgesprochen worden. Bereits 1968, ein Jahr nach dem Sechstagekrieg, von Jeschajahu Leibowitz, einem legendären Denker des Landes, mit visionärer Hellsicht: „Ein Land, das eine ihm fremde und feindlich gesinnte Bevölkerung von einer Million Menschen kontrolliert, wird zwangsläufig zu einem Schin-Bet-Staat mutieren, mit allen Konsequenzen; das wird Auswirkungen auf die Erziehung haben, auf die Rede- und Meinungsfreiheit und auf die demokratische Regierungsform.“ In dem weltberühmten Dokumentarfilm des israelischen Regisseurs Dror Moreh stellen sich sechs ehemalige Chefs von Schin Bet, dem Inlandsgeheimdienst Israels, ausdrücklich hinter diese vernichtende Voraussage und bestätigen sie mit ihrer persönlichen Erfahrung in leitender Position (The Gatekeepers, 2013; jetzt erweitert auch als Buch, 2015). Im Widerspruch zu seiner Diplomatie im Ausland stellt sich Moshe Yaalon, unter Rabin Leiter des Militärgeheimdienstes, jetzt selber in diese Tradition der politischen Aufrichtigkeit, wie sie in Israel nicht nur von Intellektuellen und Künstlern aufrechterhalten wird, sondern auch von Insidern der Sicherheitsapparate und des Militärs. Er ist soeben als Verteidigungsminister zurückgetreten – aus Protest gegen die „extremistischen Kräfte, die das Land Israel und den Likud an sich gerissen haben“.

Ein schlimmes Alarmzeichen war auch für ihn die bestenfalls gespaltene öffentliche Reaktion auf die Ermordung eines bereits wehrlos auf dem Boden liegenden Palästinensers durch einen jungen israelischen Soldaten.

Der Verfasser lebt und arbeitet als Historiker in Konstanz.