Mit der Jugend verdirbt es sich niemand gerne. Auch Politiker sind stets gut beraten, wenn sie sich mit dem Nachwuchs gut stellen. Junge Leute sind die Wähler von morgen. Sie wissen, was ihre Altersgenossen umtreibt; sie haben ein Gespür dafür, welche Herausforderungen auf die Gesellschaft zukommen. Jede Partei ist auf sie angewiesen, wenn sie nicht vergrauen und vergreisen will. Und: Diese Generation beherrscht die Feinheiten der sozialen Netzwerke. Wer nicht zuhört oder die falschen Antworten gibt, den trifft der gesammelte Unmut im Internet.

Das erklärt derzeit einiges an Deutschland. Selten mischte die Generation U-30 so ungebremst den Politikbetrieb auf. Der Vorsitzende der Jusos, ein 29-Jähriger, verschreckt mit seinen Enteignungsfantasien die Republik. Manche Genossen pflichten ihm bei. Zehntausende von klimabesorgten Schülern, inspiriert von einer 16-jährigen Schwedin, marschieren zur besten Schulzeit durch deutsche Innenstädte. Das Echo: weithin wohlwollend. Es geht ja um eine gute Sache, irgendwie jedenfalls. So wie in Konstanz. Dort ruft der Gemeinderat auf Druck einiger Gymnasiasten den Klimanotstand aus, obwohl es an dieser Stelle des Bodensees nicht viel wärmer oder kälter ist als in Meersburg oder Markelfingen.

Der Kehrseite der Konstanzer Erklärung

Doch es geht um das Signal – an andere Städte, aber auch an potenzielle Wähler in einer Universitätsstadt mit 12 000 Studenten. Dass sich junge Leute plötzlich für die Welt, in der sie leben, interessieren und engagieren, ist eine gute Sache. Trotzdem muss die etablierte Politik aufpassen, ihnen den Kampf nicht zu einfach zu machen: Auch das wäre eine Form der Herablassung. Eine Forderung ist nicht deswegen richtig, weil sie aus dem Mund von Heranwachsenden kommt. Sie muss sich im politischen Diskurs durchsetzen, Gegenargumente aushalten, Nachprüfungen überstehen. Die Jungen mit ihren Sorgen ernst zu nehmen, bedeutet, ihnen genau das zuzumuten und sich mit ihnen in der Sache auseinanderzusetzen – zur Not in aller Härte, so wie bei anderen Wählergruppen auch.

Bei den Klima-Demonstranten scheinen diese Regeln bisweilen außer Kraft gesetzt. Die Stadt Konstanz unterschreibt eine plakative Selbstverpflichtung, wohlwissend, dass manche Klauseln schwer kalkulierbare Folgen nach sich ziehen, etwa bei Baugenehmigungen und Gebäudesanierungen. Private Bauherren, Unternehmen, indirekt aber auch Mieter werden die Risiken und Nebenwirkungen zu spüren bekommen. Das kann, das muss man abwägen: Dafür ist die Politik da. Wäre es aber nicht ehrlicher gewesen, der scheidende Gemeinderat hätte, wenige Wochen vor der Kommunalwahl, die Schüler um Geduld gebeten und eine so weitreichende Entscheidung dem nächsten Rat überlassen? So wird man den Eindruck nicht los, dass die Eile weniger mit dem Tempo des Klimawandels zu tun hat, sondern eher mit dem Herannahen des Wahltags.

Die SPD und ihr Kühnert-Problem

Ähnlich sind die Beißhemmungen der SPD in der Diskussion um Juso-Chef Kühnert. Dessen Sozialismus-Hymnen kommen kurz vor der Europawahl zur Unzeit, aber irgendwie hat der junge Parteifreund ja Recht – so sagen viele Genossen. Andrea Nahles musste deshalb erst einmal Luft holen. Mit seinem Vorstoß trifft Kühnert einen Nerv, insbesondere in Ballungsgebieten, wo viele Wohnungssuchende am Rand der Verzweiflung stehen. Darüber kann und muss die SPD sprechen. Aber über Kollektivierung, Kapitalismus und die Gesellschaftsordnung? Die Bundesrepublik ist in den vergangenen 70 Jahren mit ihrem Modell der sozialen Marktwirtschaft bestens gefahren. Daran gibt es nichts zu rütteln. Das weiß die SPD, und das sollte sie ihrem Nachwuchs auch in aller Deutlichkeit sagen.

Demokratie lebt vom Streit, vom Wettbewerb von Personen und Konzepten. Nur wenn alle Argumente auf dem Tisch liegen, hat der Wähler die Möglichkeit, eine durchdachte Entscheidung zu treffen. Wer in der Politik mitmischt, darf daher ruhig Widerstände spüren. Nur dann kann er an ihnen wachsen. Nur dann kann er lernen, sich durchzusetzen. Deutschlands Jugend aber greift in Watte. Auf Dauer läuft sie damit zwangsläufig ins Leere.

Was junge Leute gar nicht brauchen

Ein gut begründetes Nein hilft der jungen Generation somit mehr als ein leichtfertiges Ja. Kuschel-Debatten bringen sie nicht weiter. Voraussetzung ist, dass die demokratischen Spielregeln eingehalten werden. Im Zeitalter der Internet-Pöbeleien scheint das illusorischer denn je. Kevin Kühnert und selbst ein stilles Mädchen wie Greta Thunberg müssen sich derzeit Übles anhören. Manche ihrer Gegner kommen ihnen nicht mit sachlichen Einwänden, sondern mit persönlicher Herabwürdigung. Vielleicht müssen angehende Politiker lernen, Derartiges zu ertragen. Trotzdem bleibt es bestürzend. Man kann nur hoffen, dass sich Einsteiger davon nicht entmutigen lassen.