Angela Merkel räumt das Feld – im Dezember als CDU-Chefin, spätestens in drei Jahren auch als Bundeskanzlerin. Wer folgt ihr nach? Fest steht: Wer den CDU-Vorsitz innehat, hat traditionell das erste Zugriffsrecht, wenn es um die Frage nach dem Kanzlerkandidaten geht. Die Delegierten, die Anfang Dezember beim Parteitag die Weichen für die Ära nach Merkel stellen, entscheiden damit indirekt auch über die Frage, wem sie die Nachfolge im Kanzleramt zutrauen.

Drei Kandidaten haben bisher offiziell ihre Bewerbung um das Amt des Parteichefs angemeldet: Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn und Friedrich Merz? Wer von ihnen hat das notwendige Format fürs Kanzleramt?

Wir haben den Freiburger Wahlforscher Ulrich Eith nach seiner Einschätzung gefragt. Wichtig für das Amt, so der Politik-Experte, sind zwei Kriterien. Erstens: Wer Kanzler werden will, muss die notwendige Führungsstärke und Durchsetzungskraft mitbringen. Zweitens: Er muss in der Lage sein, gegnerische Lager zu integrieren – in der eigenen Partei wie später auch als Chef einer Koalitionsregierung. Alles andere, so Professor Eith, kann man lernen.

„Ihr Format steht außer Frage“

Bild: Jürgen Heinrich

Annegret Kramp-Karrenbauer, 56, die Generalsekretärin der CDU, gilt als Merkels Wunschkandidatin für ihre Nachfolge. Aber ist sie für die knochenharte Aufgaben geeignet – an der Parteispitze und später auch im Kanzleramt? Viele zweifeln, weil die Saarländerin in der Öffentlichkeit eher ruhig und zurückhaltend auftritt. Professor Eith hat trotzdem keinen Zweifel, dass die 56-Jährige es packen würde. „Ihr Format steht außer Frage“, sagt der Freiburger Politologe. Im Gegensatz zu ihren beiden Mitbewerbern habe Kramp-Karrenbauer bereits als Ministerpräsidentin ein Bundesland regiert und zudem ihre Fähigkeiten als Wahlkämpferin unter Beweis gestellt. Ihre ruhige Art müssen dabei kein Nachteil sein: Die Generalsekretärin pflege einen Stil der „sachlichen Nüchternheit“, der auch bei Merkel bestens funktioniert habe. Eine andere Frage ist, ob die CDU Merkels Kurs inhaltlich fortsetzen will. In diesem Fall, so Eith, wäre Kramp-Karrenbauer die Richtige. Stimmen die Delegierten in Hamburg für einen Kurswechsel, stehen ihre Karten schlecht.

„Er kann ins Amt hineinwachsen“

Bild: Carsten Rehder

Jens Spahn, 38, ist nach Eiths Einschätzung vom Kanzleramt weiter entfernt als seine beiden Mitbewerber, da Wähler und Parteifreunde in ihm den Mann mit der geringsten Erfahrung sehen. „Als Bundesgesundheitsminister ist er erstmals in einem Amt, in dem er sich bewähren muss“, sagt der Wahlforscher. Fraglich sei auch, ob ihm die notwendige integrative Kraft zugetraut wird. Bisher, so Professor Eith, spitzte Spahn bewusst zu, um Profil zu gewinnen. Als Parteichef und Kanzler müsste er die Gräben wieder zuschütten – so er es denn kann. Aber: „Persönlichkeiten können in ein Amt auch hineinwachsen“, sagt Eith. Er bescheinigt Spahn ein „deutlich traditionelleres, konservatives Profil“ als Kramp-Karrenbauer. Die entscheidende Frage sei, ob die CDU Merkels Kurs korrigieren wolle – nur dann hat Spahn eine Chance. Spahns Homosexualität ist nach Eiths Einschätzung übrigens selbst in konservativen CDU-Kreisen im Jahr 2018 kein Problem, denn: „Entscheidend sind die politischen Werte und programmatischen Positionen, die er vertritt.“

„Er hat genügend Erfahrung“

Bild: Marius Becker

Friedrich Merz, 62, hat nach Ansicht von Professor Eith auf jeden Fall das Zeug zum Kanzler. „Er hat genügend politische Erfahrung, er kennt aber auch die Interna der Partei“, sagt der Wahlforscher. Dennoch müsse Merz erst einmal unter Beweis stellen, dass er die Partei mit sich versöhnen könne. Die Vorteile des 62-jährigen: Er ist als Konservativer und Wirtschaftsliberaler klar positioniert. Dass er Merkel immer wieder kritisierte, könne sich als Vorteil erweisen, falls der Hamburger Parteitag zu dem Schluss kommen sollte, dass die CDU einen Neustart brauche. Vor allem aber sollte man das Rednertalent des früheren Fraktionschefs nicht unterschätzen, gibt Politikexperte Eith zu bedenken. Es sei denkbar, dass er die Stimmung unter den Delegierten zu seinen Gunsten zu drehen könne. Sollte es soweit kommen, prophezeit Eith einen Dauerkonflikt mit Merkel. „Ein Schreckensszenario, wohl noch konfrontativer als das Tandem Merkel-Seehofer“, so seine Warnung. „Meine Konsequenz daher, wenn Merz gewählt werden sollte, geht es sofort auch um die Kanzlerschaft.“

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Und was ist mit den Übrigen?

Bisher haben sich drei Kandidaten mit ernsthafter Aussicht auf den CDU-Vorsitz gemeldet. Was ist mit anderen CDU-Größen, deren Namen ebenfalls gehandelt wurden?

  • Armin Laschet, Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen und politisch auf Merkel-Linie, gilt ebenfalls als Favorit für den Parteivorsitz, hält eine Kandidatur jedoch offen. Professor Eith: „Er könnte der lachende Vierte sein, wenn die anderen drei Kandidaten scheitern.“ Kann Laschet auch Kanzler? „Auf jeden Fall“, sagt Eith. Laschet regiere ein großes Bundesland und bringe die notwendige Erfahrung mit. Zudem sei er in der Lage, die zerstrittenen Parteiflügel zusammenzufürhren.
  • Wolfgang Schäuble, Bundestagspräsident, wurde in CDU-Kreisen bisher als Notlösungskandidat gehandelt. Für den Fall, dass die SPD aus der großen Koalition aussteigen würde, so das Szenario, könnte Schäuble als Übergangskanzler eine Jamaika-Koalition anführen – die FDP hat ja ein solches Bündnis nur unter Merkels Führung ausgeschlossen. Mit Merkels Rückzug ist der Plan vom Tisch. Trotzdem ist sich Eith sicher: „Schäuble hat in der CDU weiterhin enormen Einfluss.“
  • Ursula von der Leyen, Verteidigungsministerin, hat bereits abgewinkt. Ihr ist klar: Den Parteivorsitz und das Kanzleramt trauen ihr in der CDU nur wenige zu. Aber warum? Professor Eith: „Sie ist durchsetzungsstark, aber sie hat zu viele Parteiflügel gegen sich, vor allem die Konservativen. Zudem ist sie eine Frau.“