Gut ein halbes Jahr lang hat die SPD nach einer neuen Führung gesucht. Als Parteichefin Andrea Nahles die Brocken hinwarf, kamen die Sozialdemokraten auf zwei aus ihrer Sicht ganz tolle Ideen. Erstens: Eine Doppelspitze soll die taumelnde Partei führen und wieder zu Wahlerfolgen führen. Zweitens: Die Mitglieder sollten unter verschiedenen Kandidatenpaaren wählen und sich im Rahmen von 23 Regionalkonferenzen aktiv eine Meinung bilden.

Jetzt steht das Ergebnis fest. Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans sind auserkoren, die SPD zu führen. Sie müssen noch von einem Parteitag bestätigt werde, aber das dürfte reine Formsache sein. Die Wahrheit ist aber auch, dass die Ideen wohl doch nicht so toll waren und dass die einst so stolze Volkspartei auf dem Weg zu alter Größe nicht vorangekommen ist.

Knapp 50 Prozent Wahlbeteiligung zeigen den Missmut innerhalb der Partei

Im Grunde genommen reicht es, sich nur die Wahlbeteiligung anzuschauen. Am ersten Wahlgang sowie an der Stichwahl zwischen Walter-Borjans und Esken sowie Olaf Scholz und Klara Geywitz beteiligte sich jeweils nur rund die Hälfte der Parteimitglieder. Die Genossen machten damit deutlich, dass sie von dem, was sich die Parteiführung mit Generalsekretär Lars Klingbeil da ausgedacht hatte, nicht überzeugt ist. Auch die Kandidatenpaare rissen offenbar niemandem vom Hocker.

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Nur etwas mehr als die Hälfte derer, die sich überhaupt beteiligten, wählten die GroKo-Kritiker Esken und Walter Borjans. Sie kamen auf schlappe 53,06 Prozent der Stimmen. Damit kann wohl niemand wirklich behaupten, die Genossen an der Basis seien für die Aufkündigung des Regierungsbündnisses. Zumal Vizekanzler Olaf Scholz und die Brandenburgerin Klara Geywitz als GroKo-Befürworter 45,33 Prozent der Stimmen bekamen. Das sind deutliche acht Prozentpunkte weniger, eine krachende Niederlage ist das aber auch nicht.

Die Spitze der Partei ist keine Dankbare Position

Und selbst wenn der Parteitag in einer Woche zu dem Schluss kommt, die Große Koalition müsse beendet werden, was dann? Die Union würde ziemlich sicher zunächst mit einer Minderheitsregierung weitermachen, es würde wohl nach einem Jahr Neuwahlen geben. Die SPD stünde dann vor dem Dilemma, dass es nur einen Kanzlerkandidaten beziehungsweise eine Kanzlerkandidatin geben kann. Will sie dann wieder die Mitglieder entscheiden lassen, die offenbar der Abstimmerei so müde sind?

Es geht deshalb in den nächsten Tagen vor allem um die Frage, ob Esken und Walter-Borjans bei den Mitgliedern wieder Begeisterung für ihre Partei entfachen können. Die Entscheidung pro oder contra GroKo ist da nur zweitrangig, denn wenn die Basis keine Lust mehr hat, dann wird es auch ohne Regierungsverantwortung keinen Auftrieb geben.

Die Sieger wirken überrascht über das Ergebnis

Ob das gelingt? Nachdem das Ergebnis feststand und Walter-Borjans mit Esken auf die Bühne im Willy-Brandt-Haus trat, wirkten beide ziemlich überrascht von ihrem Sieg. Es sah so aus, also ob sie selber damit nicht gerechnet hatten. Beide waren nicht in der Lage, eine flammende, mitreißende Rede zu halten und die SPD auf eine gute Zukunft einzustimmen. Wenn aber nicht bald wieder der alte Kampfgeist aufflammt, dann wird es bei den Sozialdemokraten, ob nun mit oder ohne GroKo, richtig kalt. Dann ist der Ofen bald wirklich aus.