Die EU weiß, was auf sie zukommt. Großbritannien dagegen verschließt noch immer die Augen vor der Realität. Das Vereinigte Königreich scheint immer noch zu glauben, es könne wählen, welche Vorteile einer Mitgliedschaft auch nach dem Austritt aus der Gemeinschaft weiter gelten sollen. Darauf kann und wird sich die Europäische Union nicht einlassen. Kommuniziert hat dies die EU lange bevor Großbritannien seinen Austrittswunsch offiziell machte – nämlich schon vor dem Referendum, bei dem 51,9 Prozent der Briten für einen Austritt stimmten. Die Zerrissenheit des Landes zeigt sich in der jüngsten Regierungskrise, die die ohnehin schon angeschlagene Premierministerin Theresa May weiter in die Enge treibt. Die Flucht nach vorne ist ihr versperrt, zurück kann sie nicht. Europa bereitet sich auf einen ungeordneten Austritt vor – zu Recht.

EU-Chefunterhändler Michel Barnier hat sich trotz aller Rückschläge in den Verhandlungen seinen Optimismus bewahrt. Er ist immer noch "zuversichtlich", dass ein Kompromiss gefunden werden kann. 80 Prozent des Austrittsvertrags sind ausgehandelt. Doch die Krux liegt in den übrigen 20 Prozent. Dabei geht es vor allem um die schier unlösbare Irlandfrage: Wie kann eine harte Grenze auf der irischen Insel verhindert und das Karfreitagsabkommen, das den Frieden zwischen Irland und Nordirland sichert, erhalten werden? Der Vorschlag der EU ist ein plausibler: Nordirland soll im Regelungsbereich der EU bleiben, was Waren und Zölle betrifft. Die Einfuhrkontrollen würden damit auf die Grenzen der Insel verschoben. Doch Großbritannien, vor allem die nordirische unionistische DU-Partei, mit deren Unterstützung May eine Minderheitsregierung führt, pocht auf einen Austritt aller Landesteile. Die EU will diese Option umsetzen, falls London keine Alternative bietet. Doch wie soll das gehen? EU-Zollbeamte können nicht einfach an nordirischen Häfen und Flughäfen kontrollieren, wenn es darüber keine Übereinkunft gibt.

Weil die Zeit für die Verhandlungen, die im Oktober abgeschlossen sein sollen, ohnehin knapp ist, haben sich beide Seiten auf eine Übergangsfrist geeinigt. Sie gilt ab dem 30. März 2019, wenn Großbritannien die EU verlassen hat, bis zum 31. Dezember 2020. Bis dahin muss ein Vertrag über die künftigen Beziehungen ausgehandelt werden. Wie aber soll das gelingen, betrachtet man Mays jüngste Forderungen? Das Mantra "Es wird keine Rosinenpickerei geben" hat Brüssel unablässig wiederholt. Trotzdem glaubt Großbritannien, die Vorteile des Binnenmarkts unter Verletzung der damit verbundenen vier Grundfreiheiten genießen zu können: Freier Verkehr für Waren, nicht aber für Dienstleistungen oder Personen. Großzügig bietet London an, im Gegenzug die EU-Zollbestimmungen einzuhalten, will sich bei Rechtsstreitigkeiten aber nicht dem zuständigen Europäischen Gerichtshof unterwerfen.

Barnier hofft auf eine Partnerschaft, die "in Umfang und Tiefe beispiellos" ist. Gleichzeitig darf und kann sie niemals so weitreichend sein wie eine Mitgliedschaft der EU. Deshalb sollte, muss Großbritannien eine harte Landung nach dem Brexit erleben. Die Übergangsperiode mag den trügerischen Schein erwecken, dass sich durch den Austritt nichts verändert. Doch nichts ist weiter von der Realität entfernt. Die beiden prestigeträchtigen EU-Agenturen der Medikamenten- und Bankenaufsicht wechseln von London aufs Festland – und zwar noch vor dem 30. März 2019. Unternehmen und Finanzhäuser sind zum Teil schon von der Insel weggezogen oder erwägen eine Verlagerung aufs Festland. Und neben dem schwierigen Unterfangen, binnen 21 Monaten (Dauer der Übergangsperiode) ein Freihandelsabkommen mit der EU auszuhandeln, muss London auch noch Handelsverträge mit Drittstaaten abschließen. Andernfalls gelten die Regeln der Welthandelsorganisation. Die EU weiß das. Doch London bleibt bei seinen Scheuklappen. Die Katastrophe scheint programmiert.