Der mutmaßliche Täter, der am Dienstag in Frankfurt eine Frau und ihren Sohn auf ein Gleis geschubst hatte, wurde bereits vor der Bluttat von der Schweizer Polizei gesucht. Warum die deutschen Behörden den 40-jährigen Eritreer, der seit 13 Jahren in der Schweiz lebte, nicht auf dem Schirm hatten?

Straftaten in der Schweiz waren nicht schwerwiegend genug, um europaweit zu fahnden

Die Taten, die der Mann in der Schweiz zuvor begangen hatte, waren nicht schwerwiegend genug, um eine europaweite Fahndung einzuleiten, wie Stefan Ruwwe-Glösenkamp vom Bundesinnenministerium auf Nachfrage des SÜDKURIER, klarstellt: „Die Pflicht, eine nationale Fahndung auch im Schengener Informationssystem (SIS) einzustellen, besteht nur, sofern der Tatvorwurf einen Europäischen Haftbefehl begründet“, oder mindestens eine Freiheitsstrafe von vier Monaten drohe.

Auf das SIS haben alle Behörden, europaweit, digital in Echtzeit Zugriff. „Wenn eine Person dort eingetragen wird, kennen auch wir alle vorhandenen Vorwürfe“, so Ruwwe-Glösenkamp.

37000 Personen ausgeschrieben

Über die Details einer Personenfahndung entscheiden in der Schweiz die Kantonspolizeien. Diese klären von Fall zu Fall, ob sie eine Person im nationalen Fahndungssystem (RIPOL) oder zusätzlich auch im SIS ausschreiben, erklärt Florian Näf vom eidgenössischen Justiz- und Polizeidienst auf Nachfrage des SÜDKURIER. „Die Schweiz hat aktuell 36 945 Personen im SIS ausgeschrieben.

In 34 531 Fällen handelt es sich um Personen, die durch die Schweiz mit einem Einreiseverbot für den Schengen-Raum belegt wurden“, so Näf. Die übrigen Fälle teilen sich wie folgt auf: Es gibt 830 Haftbefehle, 648 vermisste Personen, 678 Aufenthaltsnachforschungen und 258 sogenannte diskrete Überwachungen.

Keine Fahndug trotz Messerattacke

Renato Gigliotti vom Landesinnenministerium ist sich sicher: „Bei einer Kontrolle und Überprüfung des Täters in Deutschland wäre die schweizerische Fahndungsnotierung im SIS bekannt geworden.“ Aber obwohl der 40-Jährige seine Ehefrau und drei Kinder in einer Wohnung einschloss und die Nachbarin mit einem Messer bedrohte, blieb er für die deutsche Polizei unsichtbar.

Täter soll fleißig und zuverlässig gewesen sein

Der mutmaßliche Täter, dem nun Mord und zweifacher Mordversuch vorgeworfen werden, galt als zuverlässig und fleißig. Er ist Mitglied der christlich-orthodoxen Glaubensgemeinschaft.

Ein Migrant aus Eritrea

In die Schweiz gekommen war er als junger Mann bereits 2006. Im Jahr 2008 wurde sein Asylantrag bewilligt, 2011 erhielt er eine sogenannte Niederlassungsbewilligung. Zuletzt lebte er mit seiner Ehefrau und drei gemeinsamen Kindern zusammen.

Mann war in psychiatrischer Behandlung

Nach Angaben der Schweizer Polizei war der Eritreer dieses Jahr in psychiatrischer Behandlung, seit Januar wegen psychischer Probleme auch krankgeschrieben. Hinweise auf eine Radikalisierung oder ideologische Motive des Täters vom Frankfurter Bahnhof fanden die Ermittler nicht.