Die womöglich bedeutendste Kabinettsumbildung in der Geschichte der CDU vollzieht sich binnen weniger Minuten. Um 11 Uhr wird der scheidenden Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Schloss Bellevue durch den Vizepräsidenten des Bundesrates, Michael Müller, die Entlassungsurkunde überreicht. Anschließend händigt der Berliner Bürgermeister in Vertretung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der neuen Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer feierlich die Ernennungsurkunde aus.

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Die beiden Politikerinnen brausen in wenigen Autominuten zum Bendlerblock, dem Sitz des Verteidigungsministeriums in Berlin. Kurz vor halb zwölf erklingt dort auf dem Ehrenhof die Nationalhymne und begleitet den Stabwechsel zwischen alter und neuer Chefin. Kramp-Karrenbauer schreitet die Ehrenformation ab. Sie gibt der Presse noch ein schlichtes Statement und erklärt pathetisch-ernst dreinblickend, sie gehe ihr „Amt mit vollem Herzen und auch voller Überzeugung“ an. Um 11.40 Uhr ist der Spuk vorbei.

Von Null auf Hundert

Das ganze Brimborium ist allerdings nur der sozusagen praktische Teil der Kabinettsumbildung. Eingeleitet wurde das Manöver bereits in den Stunden vorher: Nachdem Ursula von der Leyen am Dienstagabend als neue EU-Kommissionspräsidentin feststand. Damit setzt in Berlin der Ernstfall ein. Denn nun ist klar, dass Kanzlerin Angela Merkel an einem Umbau des Kabinetts nicht mehr vorbeikommt.

Auf dem Marschzettel der Kanzlerin stehen – diesen Schluss lassen jedenfalls Schilderungen aus Parteikreisen zu – zwei Namen: Der von Gesundheitsminister Jens Spahn. Und der von Annette Widmann-Mauz. Ersterer ist Merkels Kandidat für die Nachfolge von Ursula von der Leyen. Die Integrationsbeauftragte Widmann-Mauz wiederum soll Spahn im Amt beerben. Die 53-Jährige vom CDU-Landesverband Baden-Württemberg wäre die perfekte Wahl gewesen: Sie war viele Jahre lang bis März 2018 Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, hätte also von Null auf Hundert durchstarten können.

„Was? Niemals!“

Doch Merkel muss wenige Stunden vor ihrem 65. Geburtstag beide Namen auf ihrem Notizblock durchstreichen. Denn aus dem Gebüsch meldet sich eine Kandidatin zu Wort, die sich bis dahin gut getarnt hat: Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie pocht auf ein Versprechen der Kanzlerin. Sie werde sich schon etwas einfallen lassen, falls Kramp-Karrenbauer jemals den Wunsch äußere, ins Kabinett einziehen zu wollen, hat Merkel zugesagt.

Zuvor hatte „AKK-47“, wie sie im Internet in Anlehnung an ihr neues Amt und das legendäre Kalaschnikow-Maschinengewehr genannt wird, einen solchen Schritt zwar noch ausgeschlossen. “Ich habe mich bewusst entschieden, aus einem Staatsamt in ein Parteiamt zu wechseln. Es gibt in der CDU viel zu tun“, sagte die 56-Jährige in einem Interview.

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Doch am Dienstagabend zählen diese Worte nicht mehr, AKK betreibt gar eine merkwürdige Geheimniskrämerei. In einem vorher aufgezeichneten Interview mit den ARD-Tagesthemen will sie sich zur Nachfolge von der Leyens nicht äußern. „Ich kommentiere keine Meldungen, die irgendwo entstanden sind und durch die Welt geistern. Ich treffe Entscheidungen zusammen mit der Regierungschefin, zusammen mit der Regierungspartei“, wiegelt sie ab – obwohl sie da schon weiß, dass sie selbst es wird. Es ist auch unklar, wen AKK mit Regierungspartei meint, denn besonders viele CDU-Leute waren in ihren Plan zunächst nicht eingeweiht. Ein vielstimmiges, erstauntes „Was? Niemals!“ tönt Fragenden aus Parteikreisen selbst da noch entgegen, als der Wechsel bereits so gut wie feststeht.

In der CDU kursieren dann zwei Denkmodelle

Modell eins geht der Überlegung nach, dass Kramp-Karrenbauer einfach keine Lust mehr gehabt hat, nur das Ehrenamt der Parteivorsitzenden zu bekleiden. Der ehemaligen saarländischen Ministerpräsidentin ist die Bühne zu klein geworden, sie hat eingesehen, dass sie als CDU-Chefin nicht genügend Einflussmöglichkeiten und Gestaltungsspielräume hat. Merkel wiederum hat es nach dieser Lesart allen gezeigt: Sie hat die mit der Berateraffäre belastete von der Leyen nach Brüssel entsorgt, sie hat mit AKK eine weitere Vertraute ins Kabinett geholt.

Im Verteidigungsministerium allerdings muss sich die neue Ministerin erst einmal bewiesen, sie kann an der Aufgabe sogar scheitern. So oder so: Annegret Kramp-Karrenbauer kann Merkel nicht in die Quere kommen und auch Friedrich Merz ist aus dem Spiel. Die 65-jährige Merkel hat zudem noch den ungeliebten Jens Spahn in die Schranken gewiesen. Sie kann jetzt in Ruhe bis 2021 durchregieren.

Modell zwei ist komplizierter

Es mündet in der Überzeugung, dass „Merkel jetzt früher geht“, wie es in Parteikreisen heißt. Das wahrscheinlichste und vom Gesetz gedeckte Szenario: Die in letzter Zeit von Zitteranfällen geplagte Merkel erklärt aus gesundheitlichen Gründen ihren Rücktritt. Einem solchen Entlassungsverlangen hätte der Bundespräsident zu entsprechen. Der Bundestag müsste dann auf Vorschlag des Bundespräsidenten einen neuen Kanzler wählen.

In der Zwischenzeit würde Steinmeier eine geschäftsführende Kanzlerin bestimmen, und das wiederum müsste die Chefin der am stärksten im Parlament vertretenen Partei sein. Kramp-Karrenbauer also. Dieses Szenario stößt allerdings vielen in der CDU jetzt schon sauer auf. Sie fürchten, dass Merkel und Kramp-Karrenbauer die Sache unter sich ausmachen und die Basis vor vollendete Tatsachen stellen.

In der Tat spricht derzeit einiges für Variante zwei. AKK und Merkel haben den Deal unter sich ausgemacht, wie Spahn im Laufe des Tages bestätigt. Er habe von der “Entscheidung der Parteivorsitzenden und der Kanzlerin, wie alle anderen Präsidiumsmitglieder auch, in der Telefonkonferenz erfahren“, sagt er. Beide Politikerinnen gehen damit ein Risiko ein, denn mit Peter Altmaier ist für die CDU bereits ein Saarländer im Kabinett vertreten. Der Proporz ist durcheinander, andere Landesverbände werden aufmucken.

Das Gesamtpaket muss betrachtet werden

Kramp-Karrenbauer weiß zudem, dass der Chefinnensessel im Bendlerblock ein Schleudersitz ist. Die Bundeswehr ist eine schwer zu lenkende Truppe, das mussten von der Leyen und viele ihrer Vorgänger bereits schmerzlich erfahren. Großartige internationale Auftritte lassen sich nicht absolvieren. Politisches Profil ist bei diesem Job kaum zu gewinnen.

Sinn macht die Entscheidung aber dann, „wenn man das Gesamtpaket betrachtet“, wie es ein CDU-Präsidialer formuliert. Und dieses Paket umfasst neben dem Parteivorsitz und neuerdings eben einem Kabinettsposten auch die Kanzlerschaft für AKK. Bereits nach den Landtagswahlen Anfang September in Sachsen und Brandenburg sowie Ende Oktober in Thüringen könnte es zu diesem großen Knall kommen, mutmaßen überreinstimmend einige altgediente CDUler.