Wie lange die Reise nach Jamaika dauern wird, ist unklar. Sicher ist nur, dass vor CDU, CSU, FDP und Grünen bis zur Bildung einer Regierung ein steiniger Weg liegt. Das bedeutet: Wochen-, möglicherweise monatelang wird Deutschland von einer Art Schattenregierung geführt werden – oder zumindest irgendwie verwaltet. Wenn am kommenden Dienstag der neu gewählte Bundestag zusammentritt, werden die 709 Abgeordneten – so viele, wie nie zuvor in der Geschichte der Republik – erst einmal auf unbestimmte Zeit zur Untätigkeit verdammt sein.

Ohne eine Regierung findet keine Gesetzgebung statt, Fachausschüsse können nicht gebildet werden, weil ja noch nicht einmal bekannt ist, wie die Ministerien künftig zugeschnitten sein werden. Es sind die Ausschüsse, in denen die eigentliche legislative Arbeit des Bundestags stattfindet – und sie sollen ja den jeweiligen Ministerien in ihrer Zuständigkeit entsprechen. Drei Sitzungswochen des Bundestags sind in diesem Jahr noch geplant. Im Prinzip sind sie überflüssig – und das wird dem herausragenden Rang des Parlaments als höchstes, weil direkt vom Volk gewähltes Verfassungsorgan, nicht gerecht.

Die bisherige schwarz-rote Bundesregierung ist vom Zeitpunkt der konstituierenden Sitzung des Bundestags an nur noch geschäftsführend im Amt. Bis zu einer Regierungsbildung, von der ja noch keiner sicher weiß, ob, wie und wann sie gelingt, ist die SPD in einer bizarren Doppelrolle. Einerseits sitzt man noch zusammen mit Angela Merkel und der Union gemeinsam in der Regierung. Andererseits stellen die Sozialdemokraten die stärkste Oppositionsfraktion, nachdem Parteichef Martin Schulz eine weitere Regierungsbeteiligung gleich nach der Wahl so gut wie ausgeschlossen hat.

So wird Deutschland in der Welt mit Sigmar Gabriel als Außenminister von einem Politiker vertreten, dem der Sturz in die Bedeutungslosigkeit droht. Andrea Nahles ist als Arbeitsministerin schon zurückgetreten. Als frisch gewählte SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag und damit quasi als Oppositionschefin kann sie schlecht gleichzeitig Regierungsmitglied sein.

Alles deutet darauf hin, dass der Bundestag wie schon vor vier Jahren einen Hauptausschuss bildet, bis die Regierung steht. Der soll vorübergehend die Arbeit der wichtigsten Parlamentsausschüsse übernehmen. Allerdings wird damit eine Krücke gebastelt. Denn dieses Gremium ist im Grundgesetz überhaupt nicht vorgesehen.

Wie problematisch eine solche Zwischenregierungszeit ist, hat sich jetzt bei der Entscheidung des noch amtierenden Kabinetts gezeigt, gleich sieben Mandate für Einsätze der Bundeswehr im Ausland vorerst zu verlängern. Um der künftigen Regierung nicht vorzugreifen, gilt dies jeweils nur für ein Vierteljahr. Der Bundestag muss diesem Beschluss noch zustimmen. Doch wenn deutsche Soldaten im Irak, in Afghanistan oder Mali ihr Leben riskieren, sollten sie das keinesfalls auf der Grundlage von Entscheidungen tun, die aus einem demokratischen Nebelfeld stammen.

Die bunt gemischte Reisegruppe, die sich gestern nach Jamaika aufgemacht hat, muss sich ihrer riesigen Verantwortung bewusst sein. Sonst drohen Neuwahlen. Natürlich ist es nur legitim, dass jede Seite versucht, möglichst viel von den Versprechen, die sie ihren Wählern gemacht hat, in einem Regierungsprogramm unterzubringen. Doch für ein stures Beharren auf eigenen Maximalforderungen, endlose Diskussionen über rote Linien und zeitraubende taktische Spielchen ist jetzt kein Platz. Zu viel steht auf dem Spiel, zu Recht erwarten die Bundesbürger eine zügige Einigung auf der Grundlage vernünftiger Kompromisse. Für die genaue Ausgestaltung der einzelnen Beschlüsse bleibt dann in den kommenden vier Jahren noch genügend Zeit.

So wichtig jedes Detail der Koalitionsabsprachen auch sein mag – noch wichtiger ist es jetzt, dass überhaupt regiert wird. Und zwar möglichst bald.