Sehr geehrter Herr Merz,

ich gehe jede Wette ein: als Sie vor kurzem gelesen haben, dass laut einer Umfrage nur elf Prozent der Bürger Frau „AKK“ Annegret Kramp-Karrenbauer den Kanzler-Job zutrauen, haben Sie diebisch gegrinst. Ich gönne Ihnen die Genugtuung. Im letzten Dezember haben Sie die Hürde, die Sie vom CDU-Parteivorsitz trennte nur ganz knapp gerissen und der Merkel-Ziehtochter AKK den Vortritt lassen müssen. Das tat weh.

AKK steht unter Druck

Aber in der Politik kann der Wind ja über Nacht umschlagen, und jetzt bläst er AKK zwar nicht heftig, aber beständig ins Gesicht. Das sollten Sie ausnutzen und haben es gestern auf dem Deutschlandtag der Jungen Union mit einem energischen Redebeitrag ja auch getan. Sehr gut! Die Partei braucht Sie.

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Deshalb sollten sich die CDU-Granden langsam mit dem Gedanken vertraut machen, dass man auch die Basis darüber abstimmen lassen kann, wer denn nun die Union in den Wahlkampf 2021 führen soll. Gerade das knappe Ergebnis, das Sie als Parteichef verhindert hat, spricht für dieses Verfahren.

Kein Weiter-So in der CDU

Man muss kein großer Hellseher sein, um zu prophezeien: Da hätten Sie die Nase vorn. AKK wird von der Basis – das können die Parteigrößen nicht weglächeln – zu sehr als Merkels Ziehtochter betrachtet und verkörpert letztlich ein Weiter-So, was bedeutet: Nicht mehr klar zu sagen, wofür mein eigentlich steht, und stattdessen sozialdemokratisierend weiterzulavieren, um den fluchtbereiten linken Partner bei der Fahne zu halten.

Endlich Schluss mit der GroKO

Sie, lieber Herr Merz, stehen da für eine Kurskorrektur und geben zumindest der Phantasie Raum, dass eines Tages endlich Schluss ist mit der GroKo und – was noch viel wichtiger ist – mit dem Höhenflug der AfD. Wenn einer den Rechten das Wasser abgraben kann, weil es ihm gelingt, das Profil der CDU wieder zu schärfen, dann Sie. Der Tag, an dem beschlossen wird, dass Sie die Unionstruppe in den Wahlkampf führen, wird zum schwarzen Tag für Gauland, Waidel und Co.

Gehobener Mittelstand?

Bis dahin sollten Sie aber auch zeigen, dass Sie den Kontakt zu den ganz normalen Leuten seit Beginn Ihrer CDU-Auszeit nicht verloren haben. Dazu gehört, sich ehrlich zu machen. Zum „gehobenen Mittelstand“ haben Sie sich als Millionär und Aufsichtsratsmandatesammler einmal gezählt. Ich lache und schaue in den Hangar mit Ihren zwei Flugzeugen: eine zweimotorige Maschine und ein Turbo-Falke mit 850 PS und fast 600 km/h schnell. Passt das noch zur neuen Klimapolitik?

Mehr Kapitalismus?

Etwas mehr Bodenhaftung täte gut und auch weniger Gas mit Forderungen wie „Mehr Kapitalismus wagen“, wie Sie Ihr Buch 2008 in frecher Adaption der Brandt-Devise von 1969 genannt haben. Deregulierung und Flexibilisierung? Nach den teilweise miesen Erfahrungen würde es Sie Stimmen kosten, wenn Sie damit wie die alte Fasnet hausieren gingen.

Sagen Sie uns lieber, wie wir Deutschland weiterentwickeln, wie wir die Digitalisierung so gestalten, dass Arbeitnehmer nicht um ihre Jobs zittern müssen, und wie wir die Energie- und Verkehrswende stemmen, ohne uns dumm und dämlich zu zahlen. Ansätze für Lösungen haben Sie sicher im Kopf. Tun Sie uns den Gefallen und bringen sich ein.

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