Das staatliche Tierwohlkennzeichen, das Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) jetzt auf den Weg gebracht hat, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ob es auch ein großer Schritt ist, das wird sich an den Fleischtheken der deutschen Supermärkte und Metzgereien entscheiden. Denn wenn es um den Fleischkonsum geht, zeigen viele Verbraucher eine zutiefst gespaltene Persönlichkeit.

In Umfragen spricht sich regelmäßig eine große Mehrheit der Bundesbürger dafür aus, das Tierwohl bei der Fleischerzeugung stärker zu berücksichtigen. Es gibt wohl kaum einen Konsumenten, der von sich behaupten würde, dass es ihm komplett egal ist, wie das Schwein, das am Ende als Steak oder Wurst auf dem Teller landet, aufgezogen wurde. Für mehr Tierwohl ist fast jeder – im Prinzip. In der Realität des Wocheneinkaufs zählt dann oft nur noch der Preis. Übrigens auch für Wohlhabende. Bei Lockangeboten für das Kilo Schnitzel wird der Gedanke an die Haltungsbedingungen des Borstenviehs allzu schnell verdrängt.

Maßnahmen, die das Los der Nutztiere verbessern, kosten Geld. Die Erzeuger aber stehen in einem harten internationalen Preiskampf, in dem Masse meist mehr zählt als Qualität. Der Gesetzgeber verlangt Mindeststandards, doch darüber, unter welchen Bedingungen ein Erzeuger tatsächlich arbeitet, bleibt der Käufer meist im Unklaren. Der bäuerliche Familienbetrieb konkurriert mit dem Mäster im industriellen Maßstab. Wobei auch die Größe eines Betriebs nichts darüber aussagt, wie es dort um das Tierwohl bestellt ist.

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Nun gibt es bereits eine große Anzahl von Siegeln, die dem Verbraucher Auskunft darüber geben sollen, woher ein Stück Fleisch stammt und unter welchen Bedingungen es erzeugt wurde. Doch wer sich die Mühe macht, das Kennzeichnungs-Dickicht zu erkunden, ist hinterher nicht unbedingt schlauer. Oft verbirgt sich hinter bunten Plaketten nichts wirklich Greifbares. Ein staatliches Siegel, das verlässlich die Einhaltung genau definierter Tierwohlstandards garantiert, ist deshalb durchaus ein Fortschritt. Lange wurde die Einführung gefordert, Julia Klöckners Vorgänger im Landwirtschaftsministerium, Christian Schmidt (CSU), ist daran gescheitert. Nun kommt es so spät, dass der Handel mit einem eigenen Siegel die Nase vorn hat. Der Siegel-Dschungel droht nur noch dichter zu werden. Positiv zu bewerten ist aber grundsätzlich jeder Versuch, bessere Tierwohl-Standards zu schaffen.

Dass das freiwillige staatliche Tierwohl-Kennzeichen umstritten ist, liegt in der Natur der Sache. Viele Erzeuger finden die Kriterien viel zu streng, Tierschützern dagegen kann es niemals streng genug sein. Wieder einmal zeigt sich die Zerrissenheit der Gesellschaft, wenn es um den Fleischkonsum und den Umgang mit Tieren insgesamt geht. Am einen Ende der Skala steht die Haltung, Nutztiere ausschließlich als Wirtschaftsgüter zu sehen, bei deren Herstellung es vor allem auf den Preis ankommt. Am anderen Ende herrscht die Überzeugung, dass es sich komplett verbietet, Mitgeschöpfe zu essen. Zwischen dem ungebremsten Konsum von Billigfleisch und dem Veganismus gibt es eine große Bandbreite an Haltungen. Jeder muss letztlich mit sich selbst ausmachen, wie er es mit dem Fleischkonsum hält. Täglich Fleisch und Wurst – alles andere sind ja nur „Beilagen“. Oder ab und zu mal ein besonders gutes Stück? Konventionell erzeugt oder bio, mit oder ohne spezielles Tierwohlkennzeichen? Leicht sind diese Entscheidungen nicht. Gerade deshalb neigen wir oft dazu, diese Fragen einfach auszublenden. Ein staatliches Tierwohlkennzeichen wird den Kunden die Wahl an der Fleischtheke nicht abnehmen. Aber es gibt bewussten Verbrauchern eine weitere sinnvolle Möglichkeit an die Hand, diejenigen Landwirte zu stärken, die auf gute Haltungsbedingungen achten.

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