Wer in Afrika etwas erreichen will, braucht Geduld – und starke Nerven. Seit über einer Stunde sitzt Gerd Müller jetzt schon im Außenministerium von Benin und wartet auf einen Anruf aus dem Palast von Staatspräsident Boni Yayi. Dann muss plötzlich alles ganz schnell gehen: Seine Exzellenz, der Präsident, lassen bitten. Der deutsche Entwicklungsminister, Ehefrau Gerti, einige seiner Beamten und vier Minister des kleinen westafrikanischen Landes zwängen sich in den Aufzug, der sie nach unten bringen soll, wo ihre Wagen bereits warten. Im Erdgeschoss allerdings bleibt die Kabine nicht stehen, sondern stürzt eine halbe Etage tiefer, wo auch noch das Licht ausgeht, die Luft von Minute zu Minute stickiger und die Lage so immer beklemmender wird. Eine knappe halbe Stunde bleiben Müller und seine Begleiter eingesperrt, bis es einigen Arbeitern endlich gelingt, die Fahrstuhltür aufzuwuchten.

Im Amt eines Bundesministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sind solche Erlebnisse mit eingepreist. Schon von Berufs wegen fährt er in Länder, um die andere einen großen Bogen machen würden, in denen Stromausfälle und tote Mobilfunknetze ebenso zum Alltag gehören wie klemmende Aufzugtüren, rebellierende Ministermägen und die Warterei auf einen Termin beim Präsidenten.

Die peinliche Panne mit dem Aufzug entschuldigt Boni Yayi später damit, dass eine chinesische Firma das Ministerium gebaut habe und offenbar niemand mehr an die Wartung der Anlage gedacht habe. Dass alle wieder heil herausgekommen seien, hält er für „ein Zeichen der Liebe Gottes. Er ist immer bei Ihnen“. Müller nimmt es mit Humor und verabschiedet sich mit einem klaren Auftrag von Yayi: „Keine chinesischen Aufzüge mehr.“

Vier Tage ist der CSU-Mann aus dem Allgäu in dieser Woche in Benin und in Togo unterwegs, einer ehemaligen deutschen Kolonie, die nach der brutalen Herrschaft des Diktators Eyadema Gnassingbe unter dessen Sohn Faure seit einigen Jahren einen neuen, demokratischeren Weg für das Land sucht. Mit vergleichsweise stabilen politischen Verhältnissen, Wachstumsraten zwischen fünf und sechs Prozent im Jahr und einem weitgehend konfliktfreien Miteinander von Christen und Muslimen sind Togo und das benachbarte Benin inzwischen zwei afrikanische Musterknaben. Außerdem stellen beide Länder wie selbstverständlich Soldaten für die Friedensmissionen in Mali, Nigeria oder im Südsudan, den großen Krisenherden des Kontinents. „Frieden ist die Basis für Entwicklung“, sagt Müller denn auch zu Yayi, der schräg vor ihm auf einer Art Thron sitzt, mit Schuhen so blank gewienert, dass sich in ihnen die Lichter des Kronleuchters spiegeln. Neben dem Präsidenten kniet ein Mitarbeiter, der ihm diskret-devot das Mikrofon zurecht rückt.

Der höfische Pomp allerdings, den Staatsoberhäupter wie Yayi und Gnassingbe noch immer pflegen, ist nicht zwangsläufig ein Indiz für politische Rückständigkeit. Mit dem Denken des promovierten Ökonomen Yayi, der in Frankreich studiert und für verschiedene Banken gearbeitet hat, „kommt Afrika voran“, sagt Müller. Bis Benin oder Togo, die zu den ärmsten Staaten der Welt gehören, sich jedoch aus eigener Kraft ernähren können, bis jedes Kind dort zur Schule geht oder jeder Haushalt einen Stromanschluss hat, werden noch Jahrzehnte vergehen. In Benin steckt Deutschland deshalb unter anderem 20 Millionen Euro in ein Projekt in der Hafenstadt Contonou, in dem vor allem neue, ertragreichere Reissorten gezüchtet werden. Nach Weizen und Mais ist Reis für die 1,1 Milliarden Afrikaner der drittwichtigste Kalorienlieferant, doch weil die Produktion den Bedarf noch immer nicht deckt, muss der Kontinent jedes Jahr für fünf Milliarden US-Dollar Reis importieren. Da macht es einen existenziellen Unterschied, ob ein Hektar Ackerfläche eine Tonne Reis im Jahr abwirft oder acht Tonnen.

Anders als sein Vorgänger Dirk Niebel, der großen Wert auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit gelegt hat, auf gute Investitionsbedingungen und unternehmerisches Engagement, konzentriert Müller sich auf die elementaren Themen. Um die Überlebensfragen der Menschheit gehe es in seinem Ressort, sagt er. Einmal zitiert er in Benin sogar Mahatma Ghandi: „Hunger ist Mord.“ In spätestens 50 Jahren werde Afrika seine Bevölkerungszahl verdoppelt haben. Wenn diese Menschen nicht genügend zu essen hätten, warnt der 60-Jährige, werde das unweigerlich zu neuen Kriegen und Krisen führen.

Dabei klingt Müller, der Konservative, immer ein wenig wie ein verkappter Grüner, wenn er vom fairen Handel spricht, der an die Stelle des freien Handels treten müsse, oder wenn er die Soldatin in seinem Flugzeug fragt, ob ihr Overall auch den Kriterien des neuen Textilbündnisses genüge, in dem sich zahlreiche Unternehmen der Branche verpflichtet haben, ihre Näherinnen in Indien oder Bangladesch besser zu bezahlen. Die junge Frau muss passen, und deshalb wird Müller demnächst Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zur Seite nehmen und sie fragen, unter welchen ausbeuterischen Bedingungen eigentlich die Uniformen der Bundeswehr hergestellt werden . . .

Etwas mehr als zwei Jahre ist der gelernte Wirtschaftspädagoge jetzt Minister – ein Amt in der Komfortzone der Koalition, in dem er keine unpopulären Reformen durchboxen muss, keine halbgaren Koalitionskompromisse zu schmieden hat und Jahr für Jahr deutlich mehr Geld ausgeben kann. Noch erfüllt Deutschland sein Ziel ja nicht, 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung in die Entwicklungshilfe zu stecken. Im Moment sind es gut 0,4 Prozent – Finanzminister Wolfgang Schäuble aber hat angedeutet, dass er bei Bedarf noch etwas draufpacken kann auf die mehr als sieben Milliarden Euro, die Müller in diesem Jahr zur Verfügung hat. Über eine Milliarde fließt dabei in die direkte Flüchtlingshilfe, vor allem in die Nachbarländer Syriens und des Iraks und nach Afrika. Mehr als zwölf Milliarden will die Koalition in der laufenden Wahlperiode in den Kampf gegen die Ursachen von Flucht und Vertreibung investieren, vieles davon für die klassische Entwicklungspolitik: Armutsbekämpfung, Bildung, Landwirtschaft, Infrastruktur.

Aus Benin und Togo haben sich zwar nur ein paar Hundert Menschen auf den Weg nach Deutschland gemacht, doch auch hier denken viele Politiker wie der Präsident von Eritrea, Isayas Afewerki, den Müller kurz vor Weihnachten in Asmara getroffen hat. Die, die geflohen seien, wolle er nicht mehr zurückhaben, und überhaupt: Er selbst, rechnete er dem Besucher aus Berlin vor, verdiene nur 400 Dollar im Monat, damit hätten die eritreischen Flüchtlinge in Deutschland mehr Geld als ihr Präsident. Auch in Benin holt die Flüchtlingskrise den Minister schnell ein. „Wir wissen, dass das ein großes Thema bei Ihnen ist“, sagt Außenminister Saliou Akadiri. Seine Regierung aber sträubt sich noch, die 400 Landsleute zurückzunehmen, die in Deutschland kein Asyl erhalten werden.

Wie Willkommenskultur im umgekehrten Fall aussehen kann, erlebt Müller in Togo. Ob er in der Hauptstadt Lomé eine Umgehungsstraße eröffnet, ob er ein SOS-Kinderdorf besucht oder einen Markt in der Provinzstadt Sokode, dessen heruntergekommene Halle mit Mitteln der Kreditanstalt für Wiederaufbau saniert wird: Überall drängeln sich die Menschen, trommelnd, fröhlich tanzend und ihren Gast mit Rasseln und Schellen feiernd, als habe er Togos Fußballer zur Afrikameisterschaft geführt. Nach fast 20 Jahren, in denen die deutsche Hilfe wegen der Enyama-Diktatur und den anschließenden Unruhen auf Eis lag, sind die Deutschen hier nicht nur gern gesehene Geldgeber, sondern auch geschätzte Ratgeber.