Nur noch ein halbes Jahr bis zum Start: Noch sei der amerikanische Online-Nachrichtenkanal Breitbart-News dabei, sich eine eigene Redaktion in Deutschland aufzubauen. Aber bereits im Verlauf der kommenden Monate solle der deutsche Ableger online gehen. Das erzählte Breitbart-Korrespondent Thomas William der „Zeit“ im März 2017.

Deutsche Politiker und Medien nahmen die Nachricht zum Anlass, vor dem rechts ausgerichteten Internetportal zu warnen, dem amerikanische Medien einen entscheidenden Anteil an Donald Trumps Wahlsieg zuschreiben.

Fünf Monate sind seither vergangen und die Frage drängt sich auf, was sich getan hat. Steht Breitbart wirklich vor der Eröffnung einer deutschen Nachrichtenzentrale? Und: Welche Gefahr geht von dem kontroversen Kanal tatsächlich aus?
 

"Alternative Nachrichten"


Wer sich dieser Tage durch die bildgewaltige, in schwarzem Design gehaltene Startseite von Breitbart klickt, stolpert über einen Text, in dem die Rettungsboote der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen als Taxiservice für Flüchtlinge bezeichnet werden. Ein weiterer Eintrag zeigt das strahlende Konterfei Donald Trumps. Der dazu gehörige Text informiert darüber, dass die Zustimmungswerte des amerikanischen Präsidenten um sechs Prozent gestiegen seien. Etwas weiter unten auf der Seite berichtet Breitbart, dass eine Mehrheit in Österreich Asylsuchender fordern würde, Witze gegen den Islam gesetzlich zu verbieten.

Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" werden Meldungen wie diese von monatlich über 12 Millionen Nutzern gelesen. Über die Nachrichtenauswahl von breitbart.com sagt Chefredakteur Alex Marlow. „Wir haben nicht den Anspruch, über alles zu berichten. Stattdessen konzentrieren wir uns auf die Nachrichten, die von der Establishment-Presse ignoriert werden."
 

Kritiker entgegnen, dass die Presse auch durchaus Grund hat, diese Nachrichten zu ignorieren - da sie mitunter schlichtweg erfunden sind. Ein Beispiel ist die Breitbart-Berichterstattung zur Dortmunder Silvesternacht: Ein Mob von 1000 Männern habe „Allahu Akbar“ gerufen, Polizisten angegriffen und die älteste Kirche Deutschlands in Brand gesteckt, berichtet Breitbart-News am 3. Januar 2017. Tatsächlich hatte eine Silvesterrakete die Reinoldikirche - übrigens nicht das älteste Gotteshaus Deutschlands - zufällig getroffen. Es habe in der besagten Nacht keine herausragenden Sachverhalte gegeben, lautete die überraschend unspektakuläre Zusammenfassung der Dortmunder Polizei.

„Es ist die typische Masche von Breitbart-News: Erst eine reißerische Überschrift. Darunter ein scheinbar seriöser Artikel, der jedoch bewusst die Tatsachen verfälscht“, beschreibt Deutschlandfunk-Journalist Martin Ganslmeier die Vorgehensweise. „Ob wahr oder nicht wahr, das ist den Breitbart-Autoren nicht so wichtig. Hauptsache es erzeugt viele Klicks und Kommentare.“

epa03129016 (FILE) Conservative blogger Andrew Breitbart (L) watches Democrat Congressman Anthony Weiner (unseen) holding a press conference at a hotel in New York, USA, on 06 June 2011. The US activist died on 01 March 2012, aged 43, whilst on a walk near his home. EPA/ANDREW GOMBERT  +++(c) dpa - Bildfunk+++ |
Gründer und Namensgeber Andrew Breitbart | Bild: Andrew Gombert (EPA)

Einmal Weißes Haus und zurück: Aufstieg und Fall des Steve Bannon


Diese Form von Berichterstattung war nicht immer Teil der Business-Idee. Gegründet von ihrem Namensgeber, dem 2012 verstorbenen Andrew Breitbart, spezialisiert sich die Nachrichtenseite anfangs darauf, bereits existierende Meldungen mit pro-israelischer Ausrichtung weiterzuverbreiten. Dass Breitbart-News dann damit beginnt, eigene Themen zu recherchieren, neue Mitarbeiter einstellt und erst innerhalb der USA und schließlich nach Israel und England expandiert, ist einem Mann zu verdanken, der zwischenzeitlich einen der einflussreichsten Posten der Welt inne hatte: Stephen K. Bannon.

Bannon wächst in den Südstaaten auf. Er wird zunächst Marinesoldat, studiert anschließend an der Eliteuniversität Harvard und arbeitet als Banker an der Wall Street. Internationale Bekanntheit erreicht Steve Bannon aber aus anderem Grund: Als Berater und Chefstratege von Donald Trump gilt er als „Präsidenten-Flüsterer“ im Weißen Haus - bis er Mitte August 2017 gehen muss.
ARCHIV - Stephen Bannon, Berater des neuen US Präsidenten Trump, telefoniert am 09.12.2016 vor dem Trump Tower in New York (USA). Trump will eine Außenpolitik getreu dem Motto «Amerika zuerst». Mit einer entscheidenden personellen Veränderung stellt er sicher, dass seine Stimme in einem wichtigen Gremium vertreten ist. Dort sitzt jetzt kein anderer als sein enger Berater Bannon. Foto: Aude Guerrucci/Pool/ISP/POOL/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ |
Auch wenn er mittlerweile nicht mehr im Weißen Haus arbeitet, will Steve Bannon weiter für die Politik Donald Trumps kämpfen. | Bild: Aude Guerrucci/Pool (ISP/POOL)

Wie Joshua Green von der Wirtschaftszeitung „Bloomberg Businessweek“ in einer Fernseh-Dokumentation über Bannon berichtet, ist der Terroranschlag vom 11. September der Auslöser von Bannons politischem Engagement. „Die Anschläge haben seine Befürchtungen und Ängste bestätigt. Für Bannon befinden sich die USA seither in einem Krieg der Zivilisationen mit der islamischen Welt“, erklärt der Journalist. 

Bannon beteiligt sich daran zunächst mit seinen apokalyptisch anmutenden Dokumentarfilmen, die er ab Anfang der 2000er Jahre in Los Angeles produziert und in denen er vor der Bedrohung durch Muslime warnt. Allerdings hätten seine Filme nicht die von ihm erwünschte Durchschlagskraft gehabt, berichten Bannon-Kenner in der Dokumentation. Bannon sucht daraufhin den Kontakt zu anderen Konservativen in Hollywood und stößt auf Andrew Breitbart.

Die beiden einigen sich darauf, so berichten es die großen amerikanischen Medien wie die "New York Times", zusammenzuarbeiten und die Nachrichtenauswahl des Portals stärker auf populistisch-nationalistische Themen zuzuspitzen. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt dabei, dass Bannon und der Hedgefonds-Manager Robert Mercer zusammenfinden, der dem Medienunternehmen eine Finanzspritze in Millionenhöhe ermöglicht.

Eine Explosion in der Zahl seiner Leserschaft verzeichnet Breitbart-News 2015, als Donald Trump seine Präsidentschaftskandidatur bekannt gibt. Die Zahl der Mitarbeiter wächst parallel mit den Zugriffszahlen. Rückblickend begründen ehemalige Breitbart-Redakteure das auch damit, dass sich der Nachrichtenkanal in dieser Zeit zunehmend zum Hofberichterstatter der Trump-Kampagne entwickelt. Schließlich tauscht Bannon seinen Vorstandsposten bei Breitbart gegen den eines offiziellen Wahlkampfberaters. Nachdem Trump im November 2016 der Wahlsieg gelingt, zieht der 63-Jährige mit ihm ins Weiße Haus ein. Derweil feiert sich Breitbart als Königsmacher, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt. Das Unternehmen stellt erneut eine Reihe neuer Mitarbeiter ein. Offen spricht man über eine Expansion nach Deutschland und Frankreich.
ARCHIV - US-Präsident Donald Trump (l) telefoniert mit dem Premierminister von Australien, Malcolm Turnbull, im Oval Office vom Weißen Haus in Washington DC am 28.01.2017. Vor ihm sitzen der damalige Nationale Sicherheitsberater Michael Flynn (M) und der damalige Chefstratege Steve Bannon. (zu dpa «Chefstratege Bannon muss gehen - und will für Trump «in Krieg ziehen»» vom 19.08.2017) Foto: Alex Brandon/AP/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ |
US-Präsident Donald Trump telefoniert mit dem Premierminister von Australien, Malcolm Turnbull. Mit ihm im Oval Office sitzen der damalige Nationale Sicherheitsberater Michael Flynn (Mitte) und der damalige Chefstratege Steve Bannon (rechts). | Bild: Alex Brandon (AP)

Doch der Siegeszug von Breitbart-News soll bald die ersten Dämpfer erhalten. Chefstratege Bannon verliert schon nach knapp drei Monaten im Weißen Haus seinen Sitz im Sicherheitsrat von Donald Trump. Die Umfragewerte des Präsidenten sinken - und gleichzeitig taucht auch Breitbart wieder in den US-Schlagzeilen auf: Die US-Presse, die das Weiße Haus seit Trumps Wahl besonders im Blickt hat, berichtet von sinkenden Nutzerzahlen auf Breitbart.com. Werbepartner ziehen sich demnach zurück und schließlich verliert Breitbart Anfang des Jahres mit dem Paradiesvogel Milo Yiannopoulos einen seiner populärsten Mitarbeiter.

Dann folgt Mitte August der Rücktritt Steve Bannons als Berater und Strategiechefs des Präsidenten. Politkommentatoren in den USA vermuten, dass Trump seinen engen Berater opfert, um von eigenen, rassistisch anmutenden Äußerungen abzulenken.

Bannons neuer "Krieg"


Nun ist Bannon zurück bei Breitbart und gibt sich kämpferischer denn je. "Sollte tatsächlich noch Verwirrung herrschen, möchte ich Sie gerne aufklären", schrieb Bannon in einer Pressemitteilung: "Ich verlasse das Weiße Haus, um für Trump in den Krieg zu ziehen - gegen seine Feinde in der Regierung, in den Medien und in der amerikanischen Industrie." Er gehe sogar davon aus, die Feinde des Präsidenten von seinem neuen alten Arbeitsplatz aus effektiver bekämpfen zu können als aus dem Weißen Haus. Was den 63-Jährigen dabei so zuversichtlich stimmt, ist allerdings noch unklar: Die „Süddeutsche Zeitung“ geht davon aus, dass die Nutzerzahlen von Breitbart-News mittlerweile nur noch etwas mehr als halb so hoch sind, wie zur Zeit von Trumps Wahlerfolg. Und auch um die Breitbart-Expansion nach Deutschland und Frankreich ist es erstaunlich still geworden. „Alles heiße Luft“, lautet die schlichte Einschätzung des US-Politmagazins „Politico“.
ARCHIV - HANDOUT - Der damalige deutsche Fußballnationalspieler Lukas Podolski (l) sitzt am 10.06.2014 bei einem Freizeitausflug der Fußballnationalmannschaft bei der WM 2014 auf einem Jet-Ski vor der Küste von Santo Andre (Brasilien). Das erzkonservative Internetportal «Breitbart» hat sich mit dem Foto des deutschen Fußballweltmeisters blamiert. Der britische Ableger der Seite bebilderte damit einen Bericht über Schleuserkriminalität in Spanien. (zu dpa ««Breitbart» blamiert sich mit Bild von Lukas Podolski als Flüchtling» vom 20.08.2017) - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur bei Nennung: Foto: Markus Gilliar/DFB/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Der damalige deutsche Fußballnationalspieler Lukas Podolski bei einem Freizeitausflug der Fußballnationalmannschaft vor der Küste von Santo Andre (Brasilien). Breitbart blamierte sich mit dem Foto des deutschen Fußballweltmeisters. Der britische Ableger der Seite bebilderte damit einen Bericht über Schleuserkriminalität in Spanien. | Bild: Markus Gilliar (DFB)

Aber dennoch sorgt der Nachrichtenkanal immer noch für Aufsehen. Zuletzt wieder, als der britische Ableger von Breitbart-News fälschlicherweise ein Bild von Fußballnationalspieler Lukas Podolski auf einem Jetski verwendete, um eine Meldung über Schleuserbanden zu illustrieren. Ein groteskes Beispiel, das einmal mehr beweist: Wenn in diesem Fall auch unintendiert, Breitbart-News schafft es nach wie vor problemlos, für weltweite Schlagzeilen zu sorgen.

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