Matteo Salvini gehört zu den mächtigsten Politikern Italiens. Der Innenminister von der Lega Nord riegelt sein Land gegen Flüchtlinge ab und verbietet Rettungsschiffen das Einlaufen in die Häfen im Süden. Seine Popularität steigert das, da viele Italiener den Eindruck haben, dass andere Länder ihre Probleme auf Italien abwälzen. Das sind vor allem jene Staaten, die nicht am Mittelmeer liegen. Salvinis Aufstieg gründet in einem volkstümlichen Auftreten, zum Beispiel wenn er sich die T-Shirts bekannter Fußballvereine überzieht. Und er bedient die Sehnsucht seiner Landsleute nach starken Zeichen. Salvini rudert mit den Armen, er arbeitet mit den Fingern. Bei besonderen Gelegenheiten zieht er ein kleines vergoldetes Kreuz aus der Tasche und küsst es herzhaft.

Die kleine Geste sitzt. Nur für Mitteleuropäer wirkt sie befremdlich. Salvinis Landsleuten dagegen ist das vertraut. Das Berühren von Reliquien und anderen heiligmäßigen Gegenständen ist zwischen Südtirol und Sizilien an der Tagesordnung. Das Sakrale ist nichts Fernes, das in Vitrinen dämmert, sondern immer körperlich und greifbar. Deshalb auch bekreuzigen sich Fußballspieler vor wichtigen Spielen oder vor dem Elfmeter. Ein deutscher Stürmer würde das nie tun, auch wenn er katholisch ist. Er würde sich dafür schämen. Das ist der Unterschied zwischen beiden Ländern und ihren Mentalitäten.

Salvinis Kuss vor den Kameras fällt also nicht aus der Reihe. Er liegt in der Linie des Volkskatholizismus. Und doch ist diese Handlung nicht spontan, sondern kühl berechnet. Der Innenminister zieht das Kreuzlein immer dann aus der Tasche, wenn er oder und seine Partei gewonnen haben. Zuletzt war dies nach der Wahl zum europäischen Parlament im Mai. Wie ein Triumphator präsentierte er das Symbol und führte es an den Mund. Es war Kalkül, als wollte er sagen. ‚Seht her, selbst der liebe Gott steht auf meiner Seite.‘

Die katholische Kirche hat dieses Spiel durchschaut. Petro Parolin, Kardinalstaatssekretär, sagte frei heraus: „Es ist sehr gefährlich, den Namen Gottes für eigene Zwecke zu entfremden. Parteipolitik spaltet.“ Dazu kommt, dass Salvinis Regime an den Grenzen und in den Häfen der päpstlichen Politik zuwiderläuft. Franziskus predigte in Lampedusa und anderswo eine „Kultur des Mitleids“ – seine Variante der Willkommenskultur. Das bedeutet, dass Italien auch weiterhin Flüchtlinge aufnehmen soll. Das wird Minister Salvini nicht passen. Sein Kreuzkuss ist vor diesem Hintergrund nur eine platte Show.