Nein, ist es nicht. Und ja, man muss. Um das zu verstehen, lohnt ein Blick zurück. Und einer nach vorn.

So unendlich lange ist es nämlich nicht her, dass sich die Frauen die gesetzlichen Voraussetzungen zu einem gleichberechtigten Leben erkämpften. Mit dem Frauenwahlrecht vor 100 Jahren war für meine Oma (damals 17 Jahre alt) theoretisch schon viel erreicht, aber praktisch hat sie neun Kinder großgezogen und war ihrem Manne unterstellt. 15 Jahre später war es mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten auch schon wieder vorbei mit den politischen Mandaten für Frauen, das passive Wahlrecht wurde einkassiert. Und als es nach dem Krieg an den politischen Wiederaufbau ging, hatten die „Väter des Grundgesetzes“ eigentlich nichts mit Frauenrechten am Hut. Dass „Männer und Frauen gleichberechtigt“ sind, wurde erst nach Frauenprotesten ins Grundgesetz (1949) aufgenommen. Danach hat es noch einmal fast zehn Jahre gedauert, bis meine Mutter (damals 19 Jahre alt) im Jahr 1958 sicher sein konnte, dass ihr späterer Ehemann ihr nicht den Wohnsitz vorschreiben, ihr den Beruf verbieten können oder letztlich das Sagen über die Kinder haben würde. Wirklich abgeschafft wurde Hausfrauenehe – die Verpflichtung der Frau zu Haushaltsführung und Kindererziehung – allerdings erst 1977, fünf Jahre nach ihrer Heirat.

Wie frisch manche Wegmarke tatsächlich noch ist, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, wie lange noch von der ersten Oberbürgermeisterin in Baden-Württemberg (1990 in Heidelberg), der ersten Ministerpräsidentin (1993 Heide Simonis) und der ersten Bundeskanzlerin (seit 2005) die Rede war und ist. Auch wenn die Rechtslage – mit einer Unterbrechung – seit 100 Jahren die ist, dass Frauen gewählt werden dürfen, de facto sitzen in den deutschen Parlamenten noch heute weniger Frauen als in manchem Entwicklungsland. Gerade Baden-Württemberg schneidet übrigens mit kläglichen 24,5 Prozent im bundesdeutschen Vergleich am schlechtesten ab.

Sie könnten also, wenn sie wollten – tun es aber nicht?! Es greift zu kurz, die Baden-Württembergerinnen als politik-unlustig abzustempeln. Dass der Südwesten mit seinem Frauenanteil ganz hinten im Länderranking liegt, hat viel mit dem Landeswahlrecht zu tun, das keine Liste und damit keine Quote kennt. Alle Versuche, das zu ändern, sind bislang am Beharrungsvermögen der Männer gescheitert. Zuletzt konnten sich im April die Grünen – trotz Absprachen im Koalitionsvertrag – nicht gegen die CDU-Fraktion durchsetzen. Was zeigt, dass das Projekt „Frauen im Fokus“ der Landes-CDU ein bloßes Lippenbekenntnis bleibt.

Wie aber sieht es jenseits der Parlamente aus? Was bestimmt die Realität der Frauen in Deutschland, wenn nicht die Finanzen? Wenn es ums Geld geht, wird meist auf die immer noch vorhandenen Unterschiede bei den Gehältern von Männern und Frauen verwiesen. Entscheidender für die finanzielle Situation vieler Frauen aber dürfte das Ehegattensplitting sein. Das führt dazu, dass sich Vollzeitarbeit für den Ehepartner mit dem geringeren Einkommen – in der Regel der Frau – steuerlich oft gar nicht lohnt. Stattdessen übernehmen Frauen dann Minijobs und bleiben in der Krankenkasse über ihren Partner versichert. Eine Studie des Bundesfamilienministeriums von 2016 kommt deshalb zu dem erschreckenden Ergebnis, dass etwa 60 Prozent aller verheirateten Frauen zwischen 30 und 50 Jahren netto weniger als 1000 Euro im Monat verdienen. Man kann sich in etwa ausmalen, welche Renten die Mehrheit der Frauen im Alter erwartet.

Es ist natürlich das gute Recht jeder Frau, sich dafür zu entscheiden, für die Kinder da zu sein und den Haushalt zu managen. Die Frage ist nur, ob ihre Wahl nicht anders ausfiele, wenn dieses Familienmodell nicht derart steuerlich gefördert würde.

Wahlrecht und Ehegattensplitting – nur zwei Beispiele, die zeigen, dass für den Gesetzgeber noch einiges zu tun bleibt bis zur wirklichen Gleichstellung. Auch noch 100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts.


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