Viele bekannte Namen werden sich im neuen Bundeskabinett versammeln – die Zustimmung der Parteigremien einmal vorausgesetzt. Eine gravierende Änderung freilich findet man im Amt des designierten Innenministers Horst Seehofer. Unter dem Dach seines Super-Ressorts wird auch ein neues Heimatministerium seine Arbeit aufnehmen und alle Welt rätselt: Was soll das bedeuten?

Etabliert und durchgespielt wurde das neue Ressort bereits in Bayern. Dort dient es als Abteilung für Infrastruktur und soll jenen schwachen Regionen auf die Beine helfen, die von München und anderen Städten abgehängt sind. Die CSU hatte in der Ära von Edmund Stoiber bemerkt, dass sie das Land verloren hatte. Die Freien Wähler im Freistaat hatten die Leerstelle entdeckt und politisch genutzt. Ziel des Ministeriums war es deshalb, gleichartige Lebensverhältnisse zu schaffen. So wurde eine neue Behörde geschaffen für Breitbandkabel, neue Brücken und die Sanierung alter Schulen. Das bayerische Heimatministerium war erfunden mit Markus Söder als tatkräftigem Vormann.

Was für Bayern richtig ist, muss nicht für die gesamte Republik passen. Auch deshalb war ein Befremden zu spüren, als der Zuschnitt von Horst Seehofers Mega-Ressort bekannt wurde. Der Noch-Ministerpräsident wird auf dem weiten Feld zwischen Sportlerförderung, Grenzschutz und Kuckucksuhren ackern. Der Bereich wurde maßgeschneidert für den 68-Jährigen, den man in der Münchener Staatskanzlei in allen Ehren, aber auch endgültig verabschiedet sehen will.

Dabei war die CSU bei den aktuellen Verhandlungen das kleinste Problem. Gemessen an Christian Lindner stand Horst Seehofer wie ein Fels. Und gemessen an der SPD, die einen Martin Schulz erst ein erstklassiges Ergebnis verhandeln und dann fallen ließ, gilt die CSU als solide Größe mit verlässlichen Forderungen (Obergrenze). Seehofer hält dieses Mal Wort. Sein Vorgänger Edmund Stoiber hatte 2005 in letzter Minute zurückgezogen, als ihm Angela Merkel das Wirtschaftsressort angeboten hatte. Der unvergessene Strauß wiederum wurde von Helmut Kohl sauber aus dem Bundeskabinett herausgehalten – mit gutem Zureden und dem Argument, das Auswärtige Amt sei Reservat der damals konstruktiven FDP.

Dennoch bleibt die Frage, wie die Heimat in die Nüchternheit der Berliner Verwaltung passt. Nicht nur Winfried Kretschmann rätselt: "Heimat kann man doch nicht mit einem Ministerium machen." Heimat kann man nicht künstlich herstellen. Sie drückt mehr ein solides Gefühl aus als einen messbaren Zustand. Jeder wird sie anders definieren und für sich einrichten. Für die einen ist es der Ort, aus dem sie stammen und in dem sie wohnen; das wird in einer beweglichen Berufs- und privaten Welt immer ungewohnter. So buchstabieren immer mehr Menschen die Heimat in der Mehrzahl, obwohl es grammatisch nur eine Einzahl gibt.

Das Herdfeuer flackert überall

Junge Menschen binden ihr Leben immer seltener an einen bestimmten Ort. Ihr Herdfeuer brennt nicht mehr am Geburtsort, sondern dort, wo sie Freundschaften pflegen und knüpfen. Das Internet ist dieser Ort oder genauer: ihr Nicht-Ort. Eine erfüllte Utopie. Überall, wo sie Empfang bekommen und der kleine Bildschirm blinzelt, sind sie zuhause. Heimat ist schön und recht – die Homepage noch mehr. Was will diese Generation mit einem Minister für Heimat? Ebenso könnte man dem CSU-Mann ein Ministerium für Glück oder Wohlbefinden herrichten. Merkwürdig auch, dass dieser Heimatmensch aus seinem Bayern entfernt und in die ferne Hauptstadt versetzt wird. Eine Altbauer-Lösung, Marke CSU?

Die Heimat ist vielen Menschen zu wichtig, um sie in Aktennotizen zu zerlegen. Sie bleibt ein Sehnsuchtsort, der viel besprochen und doch selten erreicht wird. Der Tübinger Philosoph Ernst Bloch nannte Heimat "etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war." /ulrich.fricker@suedkurier.de