Vielleicht sagt es ja wirklich schon alles, wenn ein Text über Horst Seehofer ausgerechnet mit seinem ärgsten Konkurrenten beginnt. Ausgerechnet mit dem Mann, den Seehofer einmal der Schmutzeleien beschuldigt hat. Doch es ist dieser Machtkampf von gestern, der den heutigen Tag erst möglich gemacht hat. „Ich habe den Willen, was zu verändern“, sagt Markus Söder über seine Motivation. Am Freitag wird der streitbare Franke zum Ministerpräsidenten von Bayern gewählt. Seehofer wird zu diesem Zeitpunkt bereits in sein neues Amt in Berlin eingeführt sein, Innenminister der großen Koalition wird er am heutigen Mittwoch. Gottes Segen wünschte Seehofer seinem Nachfolger zum Abschied – es fehlte nur noch der Zusatz: Er wird ihn brauchen können.

Kabarettistin Luise Kinseher spottete kürzlich als „Mama Bavaria“: „Friede in der CSU: Das klingt für mich noch unheimlicher als das Schweigen der Lämmer.“ Sie muss sich nicht fürchten: Es ist kein leises Stühlerücken, das da in München vonstatten geht. Seehofers Auszug aus dem gelobten Land wird von Grollen und Flüchen begleitet. Am lautesten sind seine eigenen. Als Demontage und Undankbarkeit empfindet er die vergangenen Monate. Dass er mit dem ihm eigenen Wankelmut und dem Kokettieren um seinen Rücktritt das Feuer, über dem ihn Söder schmorte, selbst angeheizt hat, mag ihm dabei nicht in den Sinn kommen. In Berlin wird er jetzt über die Latte springen müssen, die er selbst so hoch gelegt hat: Einen harten Kurs gegen Flüchtlinge will Seehofer fahren, die Obergrenze, mit der er die Kanzlerin vor sich hergetrieben hat, zur Richtschnur seines Handelns machen. Nicht nur sein Nachfolger in München wird ihn daran messen, ob er über markige Sprüche und Symbolpolitik hinauskommt. Auch sein Eintrag in die Geschichtsbücher wird maßgeblich von den kommenden Jahren abhängen. Denn Geschichte wird immer vom Ende her erzählt.

Bei seinem Amtsantritt vor zehn Jahren galt Horst Seehofer als letzte Patrone im Colt der CSU. Die Partei war damals durch den Verlust der absoluten Mehrheit ins Mark getroffen. Und in der Tat hat er während seiner dreitausendvierhundertfünfundzwanzig Arbeitstage viele Schlachten geschlagen. Man kann dem Hünen aus Ingolstadt nämlich vieles ankreiden – mangelnde Leidenschaft für seine Partei und sein Bundesland gehören nicht dazu. Als Sprachrohr der Bürger verstand sich Seehofer. Und selbst wenn dahinter ein gutes Maß an politischem Marketing stecken mag, so war Seehofer eben tatsächlich immer nah dran an den Sorgen, Nöten und Hoffnungen. Der Elfenbeinturm jedenfalls war nie Seehofers bevorzugter Rückzugsraum. Schon eher das stille Kämmerlein, in dem er die Entscheidungen mit sich selbst ausmachte und andere bisweilen vor den Kopf stieß. Damit hat Seehofer nicht nur seiner Partei viel zugemutet. Am Ende vielleicht sogar zu viel.

So manche Reform aus der Ära Stoiber hat er rückabgewickelt: Beamte durften von der 42- zur 40-Stunden-Woche zurückkehren, die Studiengebühren wurden abgeschafft, das Gymnasium dauerte wieder neun statt acht Jahre. Dass ihm deshalb bisweilen, nunja, Flexibilität in der eigenen Haltung vorgeworfen wurde: geschenkt. Der Erfolg gab ihm Recht. Nicht umsonst ist es eher zur folkloristischen Tradition geworden, dass die SPD überhaupt noch mit großem Tamtam einen Spitzenkandidaten ausruft. Eine Chance gegen die – im besten Wortsinne – Volkspartei CSU hatten die Sozialdemokraten nie.

Ausgerechnet bei einem Thema hat selbst Seehofer sein politischer Instinkt verlassen. Die CSU gilt bis heute als letzte Bastion des Machotums. Drei Herren schickt sie jetzt in die Ministerien nach Berlin, einzig Dorothee Bär wird als Staatsministerin für Digitales als Königin ohne Reich agieren. Und das in einem Bundesland, das – entgegen aller Bayern-Klischees – führend bei der gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen ist. Fast schon Ironie der Geschichte ist es da, dass nun zum ersten Mal in der Geschichte Bayerns eine Frau an der Spitze des Freistaats stehen wird – wenn auch nur für gut zwei Tage: Landtagspräsidentin Barbara Stamm füllt die Lücke, die zwischen Seehofers Abgang und Söders Inthronisierung klafft. Vielleicht ist das ja ein Anfang, der mit dem Ende der Ära Seehofer leise eingeläutet wird.