Vor nicht einmal einem halben Jahr hatte Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un damit gedroht, die südkoreanische Hauptstadt Seoul in Schutt und Asche zu legen. Dazu bräuchte er nicht einmal Atomraketen. Sein auf den Süden ausgerichtetes Waffenarsenal konventioneller Art reiche völlig aus.

Davon ist nun nichts mehr zu hören. Im Gegenteil: Es kommt zu der Annäherung, auf die Millionen Menschen in der Region seit Jahren gehofft haben. Am heutigen Freitag wollen sich Kim Jong Un und Südkoreas demokratischer Präsident Moon Jae In im Grenzort Panmunjom treffen, dem ersten innerkoreanischen Gipfel seit elf Jahren.

Diese historische Begegnung scheint in der internationalen Öffentlichkeit zwar in den Hintergrund gerückt zu sein, nachdem US-Präsident Donald Trump zugesagt hat, sich mit dem vor kurzem international noch völlig isolierten nordkoreanischen Diktator ebenfalls treffen zu wollen. Dieser Gipfel wird wahrscheinlich Ende Mai oder Anfang Juni stattfinden. Das Treffen zwischen Kim Jong Un und Moon Jae In könnte sich aber dennoch als das Entscheidere erweisen. Während Trumps Begegnung mit Kim Jong Un vor allem von symbolischer Bedeutung sein wird, werden heute die konkreten Verhandlungen geführt, unter welchen Bedingungen Nordkorea bereit sein wird, atomar abzurüsten und einem dauerhaften Frieden zuzustimmen. Oder aber, ob sich der Konflikt auf der Halbinsel wieder zuspitzen wird.

Momentan stehen die Zeichen auf Entspannung. Denn tatsächlich haben sich Nord- und Südkorea in den vergangenen Wochen angenähert wie es vor Kurzem noch kaum einer für möglich gehalten hat. Doch der Teufel steckt im Detail. Nordkorea hat zwar am vergangenen Wochenende angekündigt, seine Nukleartests bis auf Weiteres auszusetzen. Diese Erklärung dürfte die Strategen in Washington aber alles andere als zufrieden stellen. Kim Jong Un begründet die Einstellung damit, dass sein Land inzwischen eine Atommacht sei. Die USA hingegen fordern einen kompletten Abbau des nordkoreanischen Atomarsenals. Dazu gehört auch die Aufgabe der Atomanlage Yongbyon und die Erlaubnis unabhängige Kontrolleure ins Land zuzulassen.

Auf diese Forderung wird sich Kim Jong Un wohl kaum einlassen. Denn dann wäre sein Land eben keine Atommacht mehr. Dieser Status hat es ihm jedoch erst ermöglicht, überhaupt von Trump und den anderen Staatschefs der Region ernst genommen zu werden. Ohne das Atomprogramm hätten die USA das Regime wahrscheinlich längst gestürzt. Diesen Vorteil wird sich der nordkoreanische Diktator nicht so schnell nehmen lassen.

So erfreulich diese Annäherung zwar erscheinen mag – in der Sache liegen die Kontrahenten auch weiter weit auseinander. Trump hat Nordkoreas Ankündigung auf Twitter zwar erst begrüßt, wenig später aber schon wieder als unzureichend kritisiert. Offenbar haben ihn seine Berater in der Zwischenzeit eines besseren belehrt. Für Südkoreas Präsidenten Moon dürfte es daher schwierig werden, zwischen beiden Seiten zu vermitteln.

Keine Frage: Nordkorea zeigt sich verhandlungsbereit wie noch nie. Das Regime hat signalisiert, die weitere Anwesenheit von US-Truppen auf der koreanischen Halbinsel zu tolerieren. Und auch über einen Nichtangriffspakt will er offenbar verhandeln. Allerdings hatte auch schon sein Vater und Vorgänger 2002 eine Abkehr des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms zugesagt und dafür Öllieferungen erhalten. 2006 kam es dann trotzdem zu Nordkoreas erstem Atomtest.

Der junge Kim tickt sicherlich anders als sein Vater. Fest steht aber auch bei ihm: Er wird sich jedes einzelne Zugeständnis nicht nur mit der Aufhebung der Sanktionen, sondern auch mit Wirtschafts- und Entwicklungshilfe teuer bezahlen lassen. Südkorea und allen voran die USA sollten sich dennoch darauf einlassen. Denn keine Einigung wird alle Seiten noch sehr viel teurer zu stehen kommen.