Nürnberg – Für einen kurzen Augenblick wehte am Pfingstsonntag Mittag der Atem der Geschichte durch die Frankenhalle in Nürnberg. Stehenden Applaus erhielt der tschechische Kulturminister Daniel Herman von den Teilnehmern des Sudetendeutschen Tages für seine 18 Minuten lange einfühlsame Rede, in der er die aus Böhmen und Mähren vertriebenen Deutschstämmigen und deren Nachkommen als „Liebe Landsleute“ begrüßt hatte. „Was wir soeben erlebt haben, war ein historischer Augenblick“, meinte jedenfalls Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe. Auch der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sprach von einer „historischen Stunde“.

Noch nie zuvor hatte ein offizieller Vertreter der Tschechischen Regierung auf einem Sudetendeutschen Tag das Wort ergriffen. Abgesehen davon, dass Herman den „lieben Landsleuten“ zu Beginn seiner Rede irrtümlich „Frohe Ostern“ statt „Frohe Pfingsten“ wünschen wollte, fand der katholische Priester und christdemokratische Minister genau die richtigen Worte.

Herman schloss sich den Worten des ersten tschechischen Staatspräsidenten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs an, dass die Vertreibung der deutschen Minderheit nach dem Zweiten Weltkrieg aus der damaligen Tschecho-slowakei eine „unmoralische Tat“ gewesen sei, die „durch den Drang nach Rache“ ausgelöst worden sei. Das „gefährliche Prinzip“ der Kollektivschuld, sagte der tschechische Kulturminister, beruhe darauf, dass freie Menschen auf eine Rasse reduziert würden.

Man dürfe Menschen nicht einfach auf ethnische oder religiöse Zugehörigkeit reduzieren, mahnte Herman: „Es gibt weder ‚die Deutschen‘ noch ‚die Tschechen‘, sondern nur einzelne Menschen, die sich für Leben und Taten rechtfertigen müssen.“ „Das war eine klare Absage nicht nur an die Vertreibung, sondern auch an den unseligen Kollektivschuldgedanken, der das letzte Jahrhundert verpestet hat“, sagte Sudeten-Sprecher Posselt.

Die sogenannten Benesch-Dekrete, die in den Nachkriegsjahren Verbrechen an Deutschen straflos stellten, erwähnte Posselt auf dem Sudetendeutschen Tag des Jahres 2016 nicht mehr. „Das Erheben von Forderungen führt nicht zum Ziel“, sagte Posselt stattdessen, „sondern nur ein verbindlicher geduldiger Dialog“. Und: „Man kann nichts erreichen, indem man durch die Gegend blökt.“

Das war wohl auch auf die rechte Minderheit gemünzt, die sich massiv gegen die Neufassung der Satzung der Sudetendeutschen Landsmannschaft gewandt hatte, aus der schließlich die „Wiedererlangung der Heimat“ als Ziel gestrichen wurde. Als der bayerische Landesobmann der Landsmannschaft Steffen Hörtler hervorhob, dass die Satzungsänderung im Februar dieses Jahres schließlich „mit großer Mehrheit“ beschlossen worden sei, ertönten einige wenige Pfiffe und Buh-Rufe.

Ministerpräsident Seehofer, traditionell Festredner auf der Hauptkundgebung eines sudetendeutschen Tages, stärkte Posselt für seinen Kurs der Verständigung mit Prag demonstrativ den Rücken. Wenn es um das friedliche Zusammenleben der Völker gehe, gebe es zum Dialog „keine Alternative“, sagte Seehofer. Obwohl er das Wort „alternativlos“ nicht besonders schätze.

Die Sudetendeutschen

Die Bezeichnung: Als Sudetendeutsche bezeichnen sich die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der damaligen Tschechoslowakei vertriebenen Deutschen. Ihre Vorfahren waren im 12. und 13. Jahrhundert in die Region eingewandert. Der Name Sudetendeutsche setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg durch. Namensgeber waren die Sudeten, eine bergige Landschaft zwischen Elbtal und Mährischer Pforte. (dpa)