Über viele Jahre war Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer die Überfliegerin unter ihren Kollegen. Zwischen 2013 und 2016 kürte der Deutsche Hochschulverband die Grünen-Politikerin dreimal zur Wissenschaftsministerin des Jahres. Die 52-Jährige aus Heidelberg galt als Hoffnungsträgerin ihrer Partei für die Zeit nach Winfried Kretschmann. Das Image hat inzwischen Kratzer bekommen. Die meiste Kritik zog sich Bauer für ihren Umgang mit der Zulagenaffäre an der Verwaltungshochschule Ludwigsburg zu, die seit fast einem Jahr ein Untersuchungsausschuss aufarbeitet. Ganz offensichtlich hat die Ministerin zu lange auf die Autonomie der Hochschule vertraut, die mit der Klärung heillos überfordert war. Als sich dann die Staatsanwaltschaft einschaltete, stand Bauer düpiert da.

Bauer wurde in der Ludwigsburger Affäre Opfer ihrer politischen Linie, die auf schier bedingungslose Zusammenarbeit mit den autonomen Hochschulen vertraut. Die Freiheit haben ihr die Professoren in der letzten Legislaturperiode mit höchster Wertschätzung zurückbezahlt. Inzwischen zeigen sich die Probleme. Als die Kanzlerin der HTWG Konstanz dem Ministerium Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Leistungszulagen meldete, reagierte die Grünen-Politikerin mit harter Hand und ohne Rücksicht auf die Befindlichkeit der betroffenen Hochschulleitung. Sie riskiert sogar eine juristische Auseinandersetzung mit der Hochschule. Noch einmal will sie sich nicht dem Vorwurf der Untätigkeit aussetzen.

Die beiden Fälle waren Grund genug, um die Zulagenpraxis auch bei allen anderen Hochschulen zu überprüfen. Da vertraut Bauer wieder den Angaben der Hochschulen. Drei von 44 sehen im eigenen Haus Klärungsbedarf. Rechnet man Ludwigsburg und Konstanz ein, ist das immerhin jede zehnte Hochschule. Schon die Quote der Selbstanzeigen ist ein Indiz, dass genauer hingeschaut werden muss. Probleme sind wahrscheinlich. Denn die leistungsorientierte Bezahlung ist politisch gewollt, ist aber unter den Beschäftigten im öffentlichen Dienst unpopulär. Bauer muss sich fragen lassen, ob sie es lieber nicht genau wissen will, um im eigenen Laden Frieden zu haben.

Ein Mangel an Konfliktbereitschaft zeigt sich auch an anderen Stellen. Finanzministerin Edith Sitzmann, ebenfalls eine Grüne, hat in ihrem Zuständigkeitsbereich die Regeln für die Nebentätigkeit von Beamten deutlich verschärft. Bauer lehnt das mit Verweis auf die Hochschulautonomie ab und verteidigt ihre Professoren zum Teil noch. Es ist unwahrscheinlich, dass Konstanz mit den Verstößen gegen die Obergrenze von 240 Stunden im Jahr für bezahlte Nebentätigkeiten ein Einzelfall ist. Der Steuerzahler kann erwarten, dass Beamte für einen vollen Lohn auch voll im Hauptberuf arbeiten.

Auch bei der Reform der Lehrerstudiengänge verteidigt die Wissenschaftsministerin die Autonomie der Hochschulen gegen Forderungen von Kultusministerin Susanne Eisenmann. Die CDU-Frau verlangt eine stärkere Ausrichtung des Studiums auf die schulischen Notwendigkeiten. Bauer versucht offenbar, Konflikte mit ihrer selbstbewussten Klientel zu vermeiden.

Die Freiheit von Wissenschaft und Lehre genießt Verfassungsrang. Trotzdem gibt es dafür Grenzen, die von der Rechtsaufsicht des Ministeriums kontrolliert werden müssen. Wie es nicht laufen sollte, zeigt die Uni Freiburg bei der Aufarbeitung des Dopingskandals. Der Sportmediziner Joseph Keul konnte schalten, wie er wollte. Die Uni war mit der Aufklärung heillos überfordert. Dass an den Hochschulen auch Eigeninteressen durchgesetzt werden, zeigen die immer wieder auftauchenden internen Konflikte. Ein Rektor, der viel Leistung von seinen Professoren verlangt, kann bei der Wiederwahl leicht durchfallen. So geschehen in der Hochschule Esslingen. Bauer vertraut zu sehr darauf, dass autonome Hochschulen automatisch die besten Ergebnisse bringen. Wo sich Fehler abzeichnen, muss sie die lange Leine schneller anziehen.

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