Zwangsehen sind in Deutschland laut Paragraf 237 des Strafgesetzbuchs verboten. In der Politik bleiben sie erlaubt, wenn freiwillige Partner zur Regierungsbildung nicht aufzutreiben sind. Es grenzt an Nötigung, wie die Sozialdemokraten seit Wochen dazu gedrängt werden, sich erneut auf Verhandlungen mit der Union einzulassen. Alle wissen: Sagt die SPD Ja zur großen Koalition, riskiert sie einen weiteren Absturz in der Wählergunst. Sagt sie Nein, steht das größte Industrieland Europas ohne Regierung da und der Wähler wird voraussichtlich erneut an die Urne gerufen. Dramatischer könnte die Abwägung nicht sein – und der Ausgang nicht spannender. Bis zur letzten Minute bleibt offen, wozu sich die 600 Delegierten beim Sonderparteitag der SPD am Sonntag entschließen.

Eine Schicksalsentscheidung also? Die Appelle der vergangenen Tage legen diesen Eindruck nahe. So wie SPD-Veteran Erhard Eppler denken viele: Eine Partei, die seit 150 Jahren der deutschen Demokratie dient, kann sich in einer solchen Lage nicht einfach wegducken, weil ihr die eigenen Interessen wichtiger sind. Tatsache ist: Sie kann es sehr wohl. Auch wenn der Bundespräsident Druck macht, verpflichtet das Parteiengesetz niemanden, eine Koalition einzugehen, wenn man es nicht möchte oder wenn man die Richtung für falsch hält. FDP-Chef Christian Lindner hat von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. SPD-Chef Martin Schulz hat sich für das Gegenteil entschieden.

Die Gründe liegen auf der Hand. Schulz benennt sie offen. Lehnt die SPD Koalitionsverhandlungen mit der Union ab, wird die Kanzlerin gnadenlos auf Neuwahlen drängen. Die Aussicht kann die Sozialdemokraten und ihren Chef nur schrecken. 20,5 Prozent waren es im September, beim nächsten Mal geht es zweifellos noch tiefer in den Keller. Wen oder was will die SPD dem Wähler dann anbieten? Schulz, den Kandidaten vom letzten Mal, wohl kaum. Sagen die Genossen an Sonntag Nein, ist seine Karriere beendet. Offen bleibt, wer in diesem Fall nach ihm kommt. Nahles? Schwesig? Dreyer? Oder doch noch Scholz? Wer Schulz als Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat beerben möchte, hat verloren, bevor er anfängt. In den Wahlkampf muss die neue Führungsfigur mit einem Wahlprogramm, das in weiten Teilen dem Sondierungsergebnis entspricht. Dahinter stehen nicht einmal die eigenen Genossen.

Die Lage der CDU ist kaum bequemer, lässt sich aber besser verdrängen. Eine große Koalition wird nicht nur die SPD weiter demolieren, sondern zwangsläufig auch den schwarzen Partner. An Warnungen fehlt es nicht: Bei der Wahl im September hat die Union deutlich mehr Stimmen verloren als die SPD. Solange Merkels Partei von ihrer eigenen Stammwählerschaft als verkappt sozialdemokratisch wahrgenommen wird, laufen ihr konservative Wähler davon. Der Besuch des neuen österreichischen Bundeskanzlers, Merkels Gegenspieler in der Flüchtlingskrise, unterstreicht das Problem nachdrücklich: So kühl wie Sebastian Kurz wurde in Berlin selten ein Staatsgast abgefertigt. Doch der 31-jährige Österreicher sagt und tut, was sich viele deutsche CDU-Wähler von ihrer Kanzlerin erhoffen. Merkel wird es ihnen nicht liefern.

Auch für die Kanzlerin läuft die Zeit daher unweigerlich ab. Unter ihrer Führung kann die Union nicht mehr zulegen, sondern nur weiter verlieren. Zu Recht bezeichnet Friedrich Merz eine Neuauflage der großen Koalition als "Programm für U20 für die SPD und für U30 für die Union". Selbst wenn sich Rot und Schwarz noch einmal zusammenraufen sollten und die Genossen am Sonntag grünes Licht geben: Ein Aufbruch für die Republik ist von einem derart widerwilligen Regierungsbündnis nicht zu erwarten. Es dient beiden Seiten nur dazu, Zeit zu schinden. Auf die SPD kommt die immense Aufgabe zu, sich neu zu erfinden und die Talfahrt zu stoppen. Die CDU wird sich der Tatsache stellen müssen, dass die Ärä Merkel zu Ende geht. Die Suche nach dem Nachfolger beginnt sofort nach ihrer Vereidigung. Sie wird mühselig werden. Unglücklicherweise hat die Kanzlerin die Riege der Kronprinzen und Kronprinzessinnen höchstpersönlich ausgelichtet – das rächt sich jetzt.

So oder so steht die Republik vor einer Phase des Übergangs. Was danach kommt, liegt im Nebel. Verweigert sich die SPD, wird noch in diesem Jahr neu gewählt, weil die CDU unter allen Umständen eine Minderheitsregierung vermeiden will. Kommt eine große Koalition, hält sie allenfalls die halbe Strecke durch. Das Haltbarkeitsdatum ist im Sondierungspapier bereits vermerkt. Nach zwei Jahren werde der Koalitionsvertrag einer Bestandsaufnahme unterzogen, heißt es dort. Man könnte auch sagen: Dann lassen wir die Koalition platzen und wählen neu. Das wäre 2020. Spätestens dann werden die Karten neu gemischt – vermutlich ohne Schulz und sicher ohne Merkel.

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