Ihr größtes Problem hat Angela Merkel kürzlich selbst auf den Punkt gebracht. Warum sie im Europawahlkampf fast unsichtbar gewesen sei, wollten Parteifreunde aus Bund und Ländern bei einem Krisentreffen in Weimar von der Kanzlerin wissen. Merkels verblüffend offene Antwort: „Ich bin doch nur noch ein bisschen da.“

So ist es. Die Erkenntnis gilt nicht nur für die Kanzlerin. Sie alle sind nur noch ein bisschen da – die große Koalition, die CDU, die Sozialdemokraten. Und täglich wird dieses Bisschen weniger. Die Union stürzt in Umfragen weiter ab, die SPD befindet sich in Auflösung, die Grünen fahren weiter auf der Überholspur. Merkel beteuert, sie bleibe bis zum Ablauf ihrer Amtszeit 2021 auf dem Posten, die Regierung halte noch zwei Jahre durch. Was soll sie anderes sagen? Wahrscheinlicher ist, was ihr Friedrich Merz unter die Nase reibt: Die große Koalition hält allenfalls bis zum Jahresende, dann steigt die SPD aus. Es gibt Neuwahlen, Merkel wird verabschiedet und die Karten werden neu gemischt.

Warum diese Regierung nichts mehr hinbekommt

Es wäre ein Ende mit Schrecken. Trotzdem wäre es besser als zwei weitere Jahre freudloser Stagnation. Viel bekommt diese Regierung nicht mehr hin. Natürlich kann sich die große Koalition weiter durchwursteln, natürlich wird sie Gesetze verabschieden, natürlich wird sie den Berliner Politikbetrieb am Laufen halten. Doch ein Land von der Größe und Bedeutung Deutschlands lässt sich nicht im Standby-Modus voranbringen. Neue Ideen und neue Gesichter sind von Merkels Regierung nicht zu erwarten. Die Wähler sehen es wohl auch so. Deshalb laufen nicht nur der SPD, sondern auch der Union die Wähler in Scharen davon.

AKK könnte es gehen wie Thomas Strobl

Für die CDU rächt sich jetzt, dass sie nach ihrem Hamburger Parteitag im Dezember nicht komplett reinen Tisch gemacht hat. Der beste Zeitpunkt, den Kanzlerjob an Annegret Kramp-Karrenbauer zu übergeben, ist verpasst. Selbst in den eigenen Reihen kämpft die Saarländerin inzwischen gegen Zweifel, ob sie das Zeug für den Spitzenposten hat. Die 56-Jährige muss aufpassen, dass es ihr nicht so geht wie Thomas Strobl in Baden-Württemberg: Wer zu lange als Kronprinz durch die Lande zieht, wird selten zum König gekrönt. Will Kramp-Karrenbauer als Siegerin aus dem nächsten Wahlkampf hervorgehen, muss sie als Kanzlerin hineingehen. Ohne dieses Amt hat sie nicht mehr zu bieten als ihre Mitbewerber. Doch dafür müsste Merkel ihren Stuhl vorzeitig räumen. Es deutet nichts darauf hin, dass sie ihrer Nachfolgerin diesen Gefallen tut.

Es sei denn, die Sozialdemokraten zwingen sie dazu. Beschämende 13 Prozent gibt eine aktuelle Umfrage der SPD, so viel wie der AfD – kein Wunder nach dem Debakel bei der Europawahl und dem Fiasko um Andrea Nahles. Der linke Flügel kennt den Schuldigen: die GroKo. Die Stimmen, die einen sofortigen Ausstieg aus dem ungeliebten Bündnis mit der Union fordern, werden lauter und ungeduldiger. Wollte die SPD ihrer Misere wirklich auf den Grund gehen, müsste sie tiefer bohren. In vielen Ländern Europas werden Sozialdemokraten aus den Parlamenten gejagt, weil sie ihre Augen vor den Problemen ihrer Wähler verschließen.

Was die SPD von Dänemark lernen könnte

Außer in Dänemark. Die Genossen im Norden stellen unter Beweis, dass Wahlsiege für Sozialdemokraten möglich sind, sofern sie an ihren Wählern nicht vorbeireden. lhre Kampagne konzentrierte sich auf Kitas, Lehrerversorgung, Steuern für Reiche und Klimaschutz – durchweg klassisch linke Themen. Der Schlüssel zum Erfolg war aber ein Kurswechsel in der Migrationspolitik. Das Ergebnis: Die Sozialdemokraten sind wieder stärkste Partei, die Rechtspopulisten stürzen von 21 auf 8,7 Prozent. Ein Vorbild für die SPD? Keinesfalls, sagt die neue Parteiführung. Der Rechtspopulismus lasse sich nicht bezwingen, indem man dessen Forderungen nachbetet. Wahr ist: Die Zuwanderungspolitik der dänischen Sozialdemokraten, so heikel sie auch sein mag, erinnert nicht an die AfD, sondern entspricht in etwa der Linie des früheren Innenministers Otto Schily – ein Mann mit rotem Parteibuch und grüner Herkunft. Ist es unanständig, über diesen Weg nachzudenken?

Habeck als Kanzler?

Die Grünen verloren bei der Parlamentswahl in Dänemark übrigens 1,8 Prozent. In Deutschland jubeln sie weiter, weil sie munter einsammeln, was SPD und CDU verlieren. Umfragen, die sie auf Platz eins sehen, verfestigen sich. Ein grüner Kanzler erscheint keineswegs mehr abwegig, auch wenn Robert Habeck mit fast betretener Miene abwiegelt. Je höher die Erwartungen klettern, so viel ist dem neuen Star der Grünen klar, desto tiefer kann er stürzen. Sollte es zu Neuwahlen kommen, wird auch seiner Partei nichts geschenkt: Die Nation redet nicht ewig über das Klima und mit dem Ruf nach einer CO2-Steuer lassen sich schwerlich Wahlen gewinnen. Wer auf der Überholspur unterwegs ist, fährt besser vorsichtig.