So mancher hatte schon die Vermutung, Union und SPD wollten die vier Jahre bis zur nächsten Wahl einfach durchsondieren. Quälend lange Stunden schlossen sich die Parteispitzen ein, ehe am Freitag in der Früh zumindest ein Hoffnungsschimmer unter den Türritzen hervorblitzte. Geschafft! Und das im wahrsten Sinne. Das Wort "Morgengrauen" dürfte manch Beteiligter in diesem Moment dennoch mit einer ganz besonderen Bedeutung belegt haben. Es krachte, es ächzte, es röchelte hinter den Kulissen. So wie die Jamaika-Sondierer mit ihren fröhlichen Balkon-Szenen kokettiert hatten, waren es bei dieser Runde das selbst auferlegte Schweigegelübde und die demonstrative Tortur, die demonstrieren: Dieser Kompromiss wurde in Stunden der seelischen Selbstkasteiung geschlossen. Der Drucktest soll dem Volk beweisen: Leicht hat es sich hier keiner gemacht.

Und das mag sogar stimmen: Die Last, die auf den drei Parteichefs liegt, ist immens – und sie wird es auch bleiben. Denn wer gedacht hat, mit dieser Stunde sei der Weg in Richtung Regierungsbildung geebnet, dem sei zur Vorsicht geraten. Es könnte Ostern werden, ehe Deutschland eine neue große Koalition bekommt. Wenn überhaupt. Erst am 21. Januar wird sich die SPD zu einem Sonderparteitag in Bonn treffen. SPD-Chef Martin Schulz dürfte bis dahin noch einige unruhige Nächte durchleben, denn die sozialdemokratische Seele ist wund und ob sie lieber ihren eigenen Vorsitzenden opfert oder ihre Überzeugungen, ist noch lange nicht ausgemacht. Der eloquente Juso-Chef Kevin Kühnert hat schon eine Deutschland-Tour angekündigt, auf der er gegen die Regierungsbeteiligung mobil machen will.

Ein wirkliches Leuchtturm-Projekt, an dem sich die Genossen festhalten können, bietet der jetzige Katalog tatsächlich nicht. Aber das trifft wohl auf alle drei Parteien zu. Jeder musste Opfer bringen, keiner konnte eine wirkliche Vision niederschreiben. Man traf sich in der Mitte, und das ist nicht für alle ein bequemer Standort.

Entsprechend gedämpft ist die Aufbruchstimmung, die doch eigentlich aus diesem Sondierungsergebnis erwachsen sollte. Erschöpfung wohin man blickt: in der Wählerschaft wie in der Politik. Den zu Scheinriesen mutierten Parteichefs Angela Merkel, Horst Seehofer und Martin Schulz haftet der Makel der Wahlverlierer an, die zudem genug voneinander haben. Die Parteien sollten dringend Obacht geben, dass sich ihre offensichtliche Lustlosigkeit nicht auf das Land überträgt. Ein wirtschaftlich und gesellschaftlich stabiles Gefüge wie die derzeitige Bundesrepublik mag eine Zeitlang auch ohne politische Führung gut laufen. Doch irgendwann zeigen sich die ersten Abnutzungserscheinungen. Und die Quittung wird ohne Zweifel den ohnehin lädierten Volksparteien serviert.

Dabei liegen in der jetzigen Personalsituation gleichsam Chance wie Risiko. Sowohl Angela Merkel als auch Horst Seehofer wissen, dass ihre Karrieren den Zenit längst überschritten haben. Beim einen steht der Nachfolger bereits in den Startlöchern, die andere wird in den kommenden Jahren auf die Suche gehen müssen. Für beide heißt das, dass sie auf persönliche Umfrageergebnisse keine Rücksicht mehr nehmen brauchen. Die Wiederwahl ist ohnehin ausgeschlossen. Daraus kann Mut erwachsen, in diesem Land wirklich etwas zu bewegen, vielleicht sogar unbequeme Entscheidungen zu treffen. Aber auch Lethargie und der fatale Hang, am status quo festhalten zu wollen.

Fest steht: Im Fall einer großen Koalition wird es für alle drei Parteien unbequem. Die Bundestagswahl war ein klares Signal, dass die Menschen nach Erneuerung verlangen. Die FDP hat dies schon seit 2013 zwangsweise außerhalb des Parlaments vollzogen, die Grünen machen es gerade auf der schattigen Oppositionsbank. CDU und SPD werden die Suche nach ihrer Zukunft im heißen Scheinwerferlicht der Regierungsarbeit angehen müssen. Die Angriffe werden also keineswegs nur von außen kommen, sondern viel stärker noch aus dem eigenen Lager, das spürt: Die Parteien stehen an einer Weggabelung. Und ob man die Straße rechts oder links von der Mitte nimmt, wird gerade heftig diskutiert. Ausgerechnet im Jahr 50 nach dem berühmten "1968" ist der gesellschaftliche Weg keineswegs so klar wie er scheint. Auf der einen Seite steht da die "Ehe für alle", auf der anderen Seite eine strikt konservative Partei wie die AfD. In Bayern ist die Entscheidung, die CSU nicht weiter nach links zu rücken, mit Markus Söder definitiv gefallen.

Im Bund wird sie spätestens mit Merkels Nachfolge getroffen werden. Egal, wie unambitioniert die Koalitionäre an ihre Arbeit gehen: Die politische Landkarte wird sich in den nächsten Jahren verändern. Die Extreme könnten davon profitieren, wenn die großen Parteien mit ihren Antworten zögern. Vielleicht fällt dann das Wahlergebnis im Jahr 2021 eindeutiger aus.