In 46 Tagen könnte Europa in ein Chaos stürzen. Dann nämlich, wenn es zum gefürchteten Brexit ohne Austrittsvertrag kommt. Großbritannien ist gerade auf dem besten Weg dorthin. Zwar war für Montagabend ein Treffen vereinbart zwischen EU-Unterhändler Michel Barnier und dem inzwischen dritten Brexit-Minister Stephan Barclay.

Doch mehr als "begleitende politische Erklärungen" mit Blick auf die künftigen Beziehungen zwischen beiden Seiten wollte und konnte die EU nicht anbieten. Gleichzeitig tut Premierministerin Theresa May in London immer noch so, als gäbe es Spielraum für Nachverhandlungen. Die Situation ist brandgefährlich. Denn die wenigen möglichen Lösungen lehnt die Regierungschefin ab.

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May weiß dafür recht genau, was sie nicht will: keine Neuwahlen, kein zweites Referendum und auch keinen dauerhaften Verbleib in der Zollunion. Genau das ist das Problem. Das Vereinigte Königreich war von Anfang an gut darin, zu benennen, was es nicht wollte.

Es ist das Gift, das die Verhandlungen lähmte und den Spielraum möglicher Ergebnisse von Beginn an einschränkte. Alternativvorschläge bleiben aus, bis heute fragt man sich in Brüssel, was Großbritannien denn eigentlich will.

Panikmache statt Sachlichkeit

Klar ist, dass sich die Ablehnung des Parlaments zum ausgehandelten Brexit-Vertrag vor allem gegen die Backstop-Klausel wandte: Sie wird in Großbritannien als versteckte Taktik der EU gehandelt, das Land dauerhaft an den Binnenmarkt zu binden. Dabei stellt die Klausel lediglich sicher, dass keine harte Grenze entsteht.

Die Klausel gilt mitnichten unbefristet, sondern zunächst bis zum Ende der Übergangsphase 2020. Und danach genau so lange, bis ein gemeinsames Handelsabkommen in Kraft tritt. Der Sicherheitsmechanismus ist notwendig, um das Friedensabkommen zwischen Irland und Nordirland zu schützen. Die Abgeordneten in London lehnen es blindlings ab, weil sie eine völlige Loslösung von der EU wollen – ungeachtet der Konsequenzen.

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Am Donnerstag will May dem Vernehmen nach das britische Unterhaus um zeitlichen Aufschub bitten – und schürt damit abermals die Illusion, dass sie kurz vor knapp mit der EU aushandeln könnte, was in gut anderthalb Jahren Verhandlung nicht gelang.

Die Opposition – und dazu zählen längst auch Mitglieder von Mays eigener Partei – befürchtet, dass die Premierministerin das Parlament kurz vor dem 29. März vor die Wahl stellen könnte, ob sie ihren Deal durchwinken oder das Land in das zu befürchtende Chaos eines ungeordneten Austritts schlittern lässt.

Gewagte Taktik

Möglicherweise ist das tatsächlich die Taktik Mays. Doch damit geht sie willentlich das Risiko ein, dass Großbritannien ab dem 30. März auf den Status eines Drittstaats ohne jeglichen Handelsvertrag mit der EU zurückfällt.

Die inneren Querelen der Konservativen, aber auch die Verbissenheit der oppositionellen Labour-Partei, bestimmen die Debatten. Wer bei der Umsetzung des Brexit in die Geschichtsbücher eingehen kann, scheint wichtiger zu sein als die Folgen für die Bürger. Die Brexit-Befürworter, die am lautesten dafür warben, darunter Boris Johnson, haben das sinkende Schiff verlassen.

Rationale Argumente finden kein Gehör mehr – sie wurden schon vor dem Referendum im Sommer 2016 ignoriert. Das Volk stimmte auf Basis der teils illegal finanzierten Pro-Brexit-Kampagne ab, schenkte falschen Argumenten und Lügen Glauben.

Die Rechnung dafür zahlen alle Briten. Auch und gerade die, die in der EU leben und einer ungewissen Zukunft entgegenblicken. Wer kann, legt sich eine EU-Staatsbürgerschaft zu. Die eigene Regierung hat sie im Stich gelassen.

Den Rest der Rechnung zahlt Europa. Allein in Deutschland sollen nach einer Studie 100 000 Jobs gefährdet sein. Die tatsächlichen Kosten für den Brexit lassen sich kaum beziffern. Wenn es zu einem No-Deal-Szenario kommt, erst recht nicht. Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt mit jedem Tag.