Tränengas, Zusammenstöße mit der Polizei und Massenfestnahmen: Auch der vierte Protesttag der „Gelbwesten“ in Frankreich ist von Gewalt bestimmt. Doch diesmal sind die Behörden auf einen „Schwarzen Samstag“ besser vorbereitet: Allein in Paris sind 8000 Sicherheitskräfte im Einsatz – einer pro Demonstrant.

Die Polizei nimmt fast tausend Gewaltbereite mit Messern oder Baseballschlägern vorübergehend fest. Das sonst an Adventssamstagen so belebte Pariser Zentrum gleicht vielerorts einer Geisterstadt: Der Eiffelturm, der Louvre und viele andere Sehenswürdigkeiten und Museen sind geschlossen. Kaufhäuser wie die Galeries Lafayette und Printemps haben ihre Schaufenster verrammelt – die Sozialproteste verhageln den Einzelhändlern das Weihnachtsgeschäft.

Besonders brisant ist die Lage wie schon vor einer Woche auf dem Boulevard Champs-Elysées. Dort gibt es Zusammenstöße zwischen „Gelbwesten“ und der Polizei. Vermummte Demonstranten zielen mit Pflastersteinen, Projektilen und Knallkörpern auf die Beamten. Diese rücken mit Helmen und Schutzschilden vor und feuern Tränengas ab, auch Blendgranaten und Wasserwerfer kommen zum Einsatz.

Die meisten Einzelhändler auf den Champs-Elysées sind dem Aufruf der Polizeipräfektur gefolgt und haben ihre Schaufenster mit Holzplatten verrammelt. Eine Gruppe von Demonstranten versucht, die Absperrungen eines Nobelkaufhauses in Brand zu setzen. Einzelne dringen in das Geschäft ein, werden aber mit Tränengas vertrieben. Eine Frau wird am Kopf verletzt. Immer mehr Vermummte kommen vor dem Triumphbogen zusammen, der am vergangenen Wochenende von Randalierern beschmiert und zum Teil verwüstet wurde. Einzelne schwenken die Trikolore als Zeichen für den selbst ernannten „Volksaufstand“. In Seitenstraßen gehen Schaufenster zu Bruch, Autos gehen in Flammen auf.

„Die Regierung benutzt die Randalierer, um die Gelbwesten zu diskreditieren“, empört sich ein 50-jähriger Demonstrant, der von Anfang an bei den Protesten dabei ist. Innenminister Christophe Castaner hat von einem „Monster“ gesprochen, das seinen Schöpfern entgleitet, und hat damit viele Aktivisten empört.

„Macron, gib das Geld zurück“, steht auf einem gelben Banner, das zwei Demonstranten tragen. Sie fordern neben höheren Löhnen und Renten eine Wiedereinführung der Vermögensteuer, deren Abschaffung den früheren Investmentbanker Emmanuel Macron in den Augen vieler Franzosen zum „Präsident der Reichen“ gemacht hat. Doch bisher schließt Macron ein solches Zugeständnis kategorisch aus.

„Macron ist ein Dieb“, hat jemand auf das Schaufenster einer Bank gesprüht. „Macron, wir kommen dich holen“, skandiert eine Gruppe Demonstranten und fordert die Absetzung des Präsidenten. Doch der Aufruf zu einem „Sturm“ auf seinen Amtssitz, den Elysée-Palast, läuft ins Leere: Die Umgebung ist weitgehend abgeriegelt. Helikopter kreisen über der Innenstadt, Sirenen sind zu hören.

Auch in anderen Teilen Frankreichs kommt es nach zunächst friedlichen Kundgebungen zu Gewalt: Aus Städten wie Lyon, Bordeaux und Toulouse werden Zusammenstöße mit der Polizei gemeldet, dort fliegen auch Molotow-Cocktails. Landesweit zählt die Polizei rund 77.000 Demonstranten, ihnen stehen 89.000 Sicherheitskräfte gegenüber. Frankreichs Rechts- und Linkspopulisten versuchen erneut, die Wut der „Gelbwesten“ für sich zu vereinnahmen: Die Rechtspopulistin Marine Le Pen ruft Macron auf, eine Antwort auf das „soziale Leid“ zu geben. Der Chef der Linkspartei La France Insoumise (Das unbeugsame Frankreich), Jean-Luc Mélenchon, verlangt erneut Neuwahlen.

Auf den Pariser Haussmann-Boulevards, wo sonst Horden von Einkäufern flanieren, sind erstmals blaue Panzerfahrzeuge der Militärpolizei im Einsatz und räumen brennende Barrikaden weg. In der Nähe stehen belgische Touristen verloren mit ihren Rollkoffern auf der Straße. Sie wollen zum Bahnhof, aber die Metro fährt nicht, die wenigen Taxis sind belegt. Dennoch haben sie Verständnis für die Proteste: „In Belgien sind die Steuern auch hoch, wir machen uns Sorgen um die Zukunft unserer Kinder.“ 

(AFP)