Hass, Hass, Hass. Hass auf Andersdenkende, Hass auf Ausländer, Hass auf Politiker. Wenn man die Nachrichten verfolgt, kann man den Eindruck gewinnen, dass unsere Gesellschaft aus nichts anderem mehr besteht als aus Wut und Gepöbel. Und ja, natürlich gibt es diese Probleme in unserem Zusammenleben. Aber wer nur noch den Horror-Meldungen und den Negativ-Erzählungen von einer total gespaltenen Gesellschaft glaubt, der macht etwas falsch. Das zeigt sich auch an Beispielen aus der Region.

In Villingen-Schwenningen etwa brannte vor einer Woche die Wohnung einer fünfköpfigen Familie aus. Die Betroffenen verloren alles. Daraufhin bat der SÜDKURIER um Spenden, zumindest um das Nötigste, also Klamotten. Die Resonanz war gigantisch. Dutzende Menschen brachten säckeweise Hosen, Jacken, Pullover, Schuhe, die Spenden stapelten sich im Eingang der Villinger Lokalredaktion. Am Ende kamen drei prall gefüllte Kleintransporter zusammen.

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Eine Masse von Beispielen

Oder die Spendenaktion für die Nachsorgeklinik Tannheim: Hier spendeten die Menschen aus der Region dieses Mal wieder einen enormen Betrag. Auch nach dem Horrorunfall mit drei Toten zwischen Villingen und Schwenningen vergangenes Jahr kam eine hohe Spendensumme zusammen.

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Für ein Konstanzer Ehepaar, das nach einem unverschuldeten Autounfall in Nöte geriet, wurden beim SÜDKURIER im vergangenen Sommer sogar Spenden abgegeben, obwohl es nicht einmal einen Aufruf dazu gab.

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Zudem, losgelöst vom Geld: Groß war und ist die Solidarität auch mit abgeschobenen oder von der Abschiebung bedrohten Asylbewerbern in Arbeit wie dem Konstanzer Lukmann Lawall und dem Blumberger Buba Jaiteh.

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Die Mehrheit wird verschwiegen

Das sind nur ein paar Beispiele, die nicht recht ins Bild einer Gesellschaft passen, die scheinbar nur von Hass getragen wird. Umso mehr gilt, dass wenn man sich die Nationalität der Menschen anschaut, denen geholfen wurde: Sie kommen unter anderem aus Nigeria, Gambia, Rumänien. Ausländersolidarität statt Ausländerhass. Hier zeigt sich eine riesige, sonst schweigende und zu oft verschwiegene Mehrheit der Vernünftigen.

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Wer diese positiven Ereignisse vergisst und die Wohltätigen unterschlägt, indem er immer und ausschließlich von einer gespaltenen Gesellschaft spricht, macht einen gefährlichen Fehler. Defizite werden nur angesprochen, statt ihre Ursachen zu bekämpfen.

Dieses Gerede verschärft vorhandene Probleme nur. Wenn immer und immer wieder erzählt wird, dass in dieser Gesellschaft keiner mehr dem anderen zuhört, alle sich hassen und jeder nur noch auf sich schaut, ist das ein Freibrief.

Ein gefährlicher Freibrief

Ein Freibrief für jene, die auf teilweise anstregende gesellschaftliche Konventionen einfach keine Lust mehr haben. Sie können sagen: „Warum soll ich denn noch anderen zuhören, es wird doch immer wieder gesagt, dass das eh keiner mehr macht? Jetzt lasse ich das auch.“ So entstehen gesellschaftliche Sogwirkungen. Wer jeden Tag am Frühstückstisch seinen Partner oder seine Partnerin wissen lässt, wie schrecklich die eigene Beziehung doch ist, sorgt ja auch selbst dafür, dass er irgendwann alleine dasitzt.

Dass die Negativerzählungen stetig wiederholt werden, liegt auch daran, dass Politik heute vor allem über Ängste und Untergangsszenarien gemacht wird. Rechtspopulisten und extreme Klimahysteriker nehmen sich da nichts.

Eine Politik der Hoffnung und der Zukunftssehnsucht scheint dagegen ausgestorben zu sein, keine deutsche Partei kann etwas derartiges derzeit entwickeln. Diese Art der Wählergewinnung wäre freilich auch mühevoller, als zu versuchen, sich über das Spiel mit den Sorgen der Menschen ein paar Stimmen zu ergaunern.

Das Glück verteidigen

Noch mal: Ja, es gibt gesellschaftliche Schwierigkeiten. Aber es gibt kein allgemeines Solidaritätsproblem und auch kein allgemeines Hassproblem, außer wir beschwören es selbst herauf. Wer immer und immer wieder betont, wie schwer Hetzer unser Zusammenleben verwunden, der macht sich zu ihren Handlangern.

Wer aber immer und immer wieder betont, wie viel Wertvolles, wie viel Gutes, wie viel Liebe weiter in den Menschen steckt, der macht sich zum wirkungsvollsten Verteidiger unseres Glücks.

Deswegen müssen wir nicht aufhören, an unseren Problemen zu arbeiten. Aber, wir müssen uns doch auch eines klar machen: Eine Gesellschaft ohne Probleme, eine rosarote Zuckerwelt, die gab es nie und die wird es nie geben. Es ist ein tägliches Ringen. Aber wir dürfen uns dabei auf keinen Fall schlechter machen, als wir sind.