Immerhin hat sie sich endlich einmal geäußert. Was sie nach langen Tagen des Schweigens sagte, ist keine Überraschung. Alice Weidel, die angezählte Fraktionschefin der AfD, verwahrt sich in der Spendenaffäre ihrer Partei gegen alle Vorwürfe. Nichts dran, in den wesentlichen Punkten falsch, tendenziös: Nach Darstellung der Abgeordneten vom Bodensee entbehren die Anschuldigungen jeglicher Grundlage.

Das ist ihr gutes Recht, da in einem Rechtsstaat die Unschuldsvermutung gilt, solange nicht das Gegenteil nachgewiesen ist. Dennoch wirkt der Umgang mit der Affäre verkorkst. Die Akteure tauchen ab, andere beschuldigen sich gegenseitig, die Hauptfigur verbarrikadiert sich. Wo Offenheit gefragt wäre, werden Rollläden heruntergelassen. Sollte sich der Verdacht der illegalen Parteienfinanzierung erhärten, wäre Weidel nicht die erste Politikerin, die über ihre eigenen Füße stolpert. Zum Verhängnis wird den ertappten Sündern selten der Fehltritt selbst, sondern weit öfter der Versuch, ihn nachträglich zu vertuschen.

Schon jetzt ist für die AfD der Wirbel um ihre Gönner in der Schweiz und den Niederlanden ein Desaster. Auch andere Parteien hatten in der Vergangenheit Probleme mit dubiosen Spenden: Das Drama um Helmut Kohl ist unvergessen, es stürzte die CDU in die tiefste Krise ihrer Geschichte. Andere wie Walter Leisler Kiep oder Graf Lambsdorff wurden rechtskräftig verurteilt. Die betroffenen Parteien entschlossen sich meist erst nach längerem Ringen zur Flucht nach vorne. Sie wirkten bei der Aufklärung mit, in die schwarzen Kassen wurde hineingeleuchtet, die Verantwortlichen mussten gehen.

Bei der AfD deutet vorerst nichts darauf hin. Hier gibt es kein Innehalten, hier regt sich kein Unrechtsbewusstsein – und das bei einer Partei, die von Politikverdrossenheit lebt und gerne von oben herab über die sogenannten Altparteien urteilt. Plötzlich zeigt sich: Den Maßstäben, die sie an andere anlegt, hält die AfD in keiner Weise stand. Nach Kräften wird abgestritten, geleugnet, auf Sündenböcke gezeigt. Die Heuchelei ist mit Händen zu greifen. Sie untergräbt die Glaubwürdigkeit der Partei mehr als alle Appelle ihrer Gegner.

Zumal es um Geld geht. Der Staat stattet die Parteien in Deutschland großzügig mit Finanzmitteln aus. Für jede Wählerstimme überweist er ihnen 83 Cent. Jeder Abgeordnete kann auf Staatskosten mehrere Mitarbeiter beschäftigen, die ihm zuarbeiten, Reden schreiben, Termine vereinbaren. Dass Spenden die Kassen zusätzlich auffüllen, ist in der deutschen Demokratie üblich und nicht grundsätzlich zu beanstanden. Entscheidend ist, dass die Wähler wissen, wer wem wieviel zusteckt. Nur dann können die Bürger entscheiden, woran sie sind und ob die Interessengruppen, die hinter den Kulissen mit dem Scheckbuch wedeln, in ihrem Sinne handeln. Das Parteiengesetz wurde nach den bitteren Erfahrungen der vergangenen Jahre deshalb zu Recht verschärft. Dagegen zu verstoßen, ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine massive Missachtung der demokratischen Spielregeln.

Besonders alarmierend ist es, wenn dubiose Kräfte im Ausland versuchen, auf deutsche Wahlergebnisse Einfluss zu nehmen. Im Falle Weidels sitzen die Quellen in der Schweiz. Was erhoffen sie sich von der AfD? Eine Verschärfung der deutschen Einwanderungspolitik? Sand im Getriebe der europäischen Einigung? Oder eine Destabilisierung der Regierung in Berlin? Das Parteiengesetz spricht aus gutem Grund eine klare Sprache: Spenden aus EU-Ländern sind erlaubt, andere nicht. Die Kassenwarte der Partei wollen nicht gewusst haben, dass solche unmoralischen Angebote umgehend zurückgewiesen und gemeldet werden müssen – das ist erschütternd. Ob Fahrlässigkeit oder Vorsatz im Spiel war, wird der Staatsanwalt herausfinden. Von der AfD werden es die Bürger kaum erfahren.

Erschwert wird die Aufklärung durch die mörderischen Grabenkämpfe innerhalb der Partei. Seit Alice Weidel als Zuchtmeisterin auf dem Stuhl der Fraktionschefin thront, hat sie sich viele Feinde gemacht. Vor allem ihre Widersacher am rechten Rand wollen die Frau vom Bodensee fallen sehen, da sie trotz regelmäßiger Hassreden auch bürgerliche Wähler umwirbt und die imageschädliche Beobachtung durch den Verfassungsschutz vermeiden will. In den Augen der Scharfmacher passt die 39-Jährige ohnehin nicht an die Spitze einer Stramm-rechts-Partei: Falsche Bedenken, falsches Geschlecht, falsches Privatleben. Nach Bernd Lucke und Frauke Petry wäre Weidel ein weitere Galionsfigur, das wegen des Drangs der AfD zur ständigen Radikalisierung auf der Strecke bleibt. Die Vernünftigen und Anständigen haben diese Partei schon lange verlassen, sagt Gründungsmitglied Hans-Olaf Henkel. Weidel hat den Ausstieg verpasst. Jetzt spürt sie die Konsequenzen.

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