Es war die Hoffnung dieser ersten Stunden nach der Wahl. Es werde schon nicht so schlimm kommen, redeten sich alle ein, die Donald Trump nicht gewählt hatten. Das amerikanische System werde auch den Widerspenstigen zähmen und ins Korsett des Staatsmanns zwingen. Heute, eineinhalb Jahre später, wissen wir: Trump hat nicht zu viel versprochen. Er verändert die Welt. Alle Regeln der politischen Diplomatie scheinen für ihn außer Kraft gesetzt. Im Stil eines Revolverhelden, der jeden Kompromiss als Zeichen der Schwäche deutet, sorgt er für Ordnung in seinem Revier – eine Ordnung, die sich nur nach eigenen Bedürfnissen richtet. Dass er dabei mehr Probleme schafft als löst, ist für ihn kein Kriterium zur Beurteilung des eigenen Erfolgs. Hauptsache, die Kulisse für die eigene Wählerschaft steht. Hauptsache, er hat den Colt als Erster gezogen.

Noch während die alte Welt seine letzten Tweets mit Schaum vor dem Mund kommentiert, noch während Wähler und Parteifreunde ihn für den Friedensnobelpreis vorschlagen, verkündet Trump mit martialischem Unterton, dass der Gipfel mit Nordkorea abgesagt ist – nur um Stunden später zu behaupten, sicher sei gar nichts. Vielleicht treffe er sich ja doch mit Diktator Kim. Die Gedenkmünze, die eigens für den Gipfel geprägt wurde, gibt es sicherheitshalber trotzdem schon zu Rabatt-Preisen. Ein Erbstück der politischen Geschichte wird zum grotesken Symbol für eine der fahrlässigsten Luftnummern aus dem Weißen Haus. Vielleicht war sogar das Erschreckendere an Trumps Handeln, dass er den Gipfel so überstürzt angekündigt hat – und weniger, dass er ihn nun verschiebt. Nur mit Schulhof-Pöbeleien und dem Auftreten eines Geldeintreibers lässt sich kein Frieden erzielen. Nicht ohne Grund rackern üblicherweise ganze Heerscharen von Diplomaten monate-, wenn nicht jahrelang im Hintergrund, ehe bei offiziellen Treffen die Mächtigen Ergebnisse verkünden dürfen.

Dabei sah es in den vergangenen Wochen gut aus für den US-Präsidenten. Er hat den Druck auf China so stark erhöht, dass Peking nicht nur seine Einfuhrzölle auf Autos deutlich absenkt, sondern sogar verspricht, den Import von Waren aus den USA deutlich zu erhöhen. Für den Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem erhielt er Lob von Experten. In Berlin verkämpft sich die Verteidigungsministerin seit der Dauerschelte aus dem Weißen Haus für höhere Ausgaben für den Wehretat. Die Frage schlich sich in den Raum: Was, wenn Trump doch recht hat? Wenn sein Ton die Despoten dieser Welt eher zähmen kann als die verschwurbelten Sätze der Kanzlerin? Immerhin schickte selbst Kim Jong Un am Freitag eine kleinlaute Notiz nach Washington, dass man jederzeit bereitstehe.

Europa jedenfalls muss seinem rasanten Bedeutungsverlust mit großen Augen und noch größerer Hilflosigkeit zusehen, während die USA dem Rest der Welt ihre Regeln diktieren. Fast schon schmerzhaft war es, mitanzusehen, wie sich erst Frankreichs Präsident und dann Angela Merkel in den Staub warfen. Der eine umschmeichelte den Präsidenten wie ein Schulmädchen den coolen Typen aus der Oberstufe. Die andere ließ sich bei einem Speed-Date mit politischem Fastfood ohne größeren Nährwert abspeisen. Beide spielten das Spiel mit. Denn sie wissen: Auf Dauer funktionieren kann beinahe jeder Deal nur im Zusammenspiel mit der Wirtschafts- und Militärmacht Amerika. Zu schwach, zu uneinig, vielleicht auch zu brav sind die Europäer. Aber immerhin kennen sie das Geschäft.

Chaos statt Ordnung

Es wäre schön, wenn die Welt so einfach funktionieren würde, wie Trump sie sich vorstellt. Leider ist Politik im Allgemeinen und Friedensbemühungen im Besonderen immer ein Marathon und nur selten ein Sprint. Pläne, was im Iran, in Israel, in Nordkorea passieren soll, hat Trump nicht in der Schublade. Doch Verträge kündigen und Treffen absagen – das ist keine Politik mit Substanz. Der frühere Außenminister Gabriel mahnt zu Recht, dass neue Kriege nach dem Westfälischen Frieden, dem Wiener Kongress und dem Ersten Weltkrieg immer dann ausbrachen, wenn sich ein Land für so stark hielt, dass es keine Rücksicht mehr auf die geschlossenen Verabredungen nehmen musste.

Auch wenn davor gewarnt sein muss, internationale Beziehungen mit Freundschaft zu verwechseln – die Welt braucht Bündnisse, die Welt braucht eine Ordnung, die Welt braucht Interessenausgleich. Der Revolverheld mag einige Treffer ins Schwarze landen, doch zu viele seiner Schüsse fliegen den einstigen Partnern unkontrolliert um die Ohren. Er mag über „das System“ herziehen. Doch nicht umsonst entstand ausgerechnet nach 1945 ein Geflecht an internationalen Institutionen, das seit immerhin mehr als 70 Jahren unseren Frieden sichert.

margit.hufnagel@suedkurier.de