Seit bald 2000 Jahren wohnen Juden im Land zwischen Nordsee und Bodensee. Mit den Römern zogen sie in die Provinz Germania, die später Deutsches Reich und endlich Deutschland hieß. Ihr Alltag war bewegt wie ein Wellenschlag, mit Höhen und Tiefen. Der Holocaust war der Tiefstpunkt. 2018, so scheint es, steht manches wieder auf Anfang.

Die einschlägigen Meldungen sind deutlich: Juden wird von ihren Gemeinden empfohlen, sich nicht als Juden erkennen zu geben und möglichst keine Kippa zu tragen. Jüdische Kinder werden von Mitschülern aus der Schule verdrängt. Und das Wort Jude ist inzwischen zum geläufigen Schimpfwort geworden, völlig unabhängig von der Herkunft des Beschimpften.

Angefeuert wird der heimliche oder offene Judenhass durch das Jubiläum des Staates Israel. Er wurde vor 70 Jahren gegründet und von Beginn an von der deutschen Regierung unterstützt. Und doch: Jede Aktion der israelischen Armee, jede neue Siedlung wird deutschen Juden angerechnet. Dabei sind sie meist deutsche Staatsbürger ohne Doppelpass. Es ist unfair, sie für die Politik eines fremden Staates in die Pflicht zu nehmen. Sie wählen, zahlen Steuern in Deutschland und fügen sich ein. An ihrer Loyalität gibt es keine Zweifel. Wäre einer von ihnen DFB-Nationalspieler, dann hieße sein Präsident Frank-Walter Steinmeier.

Über die Ursachen für den Antisemitismus neuen Typs ist viel gerätselt worden. Experten gehen von einem Bodensatz aus, der sich nach 1945 stabil halten konnte. Mit der braunen Schicht hat die Bundesrepublik leben gelernt; sie wird ummantelt und isoliert von der Mehrheitsgesellschaft, die von alten Gespenstern nichts mehr wissen will. Häufige Reisen nach Israel tun ein Übriges. Reiselustige Deutsche erleben dort ein Volk, das ein blühendes Land aufgebaut hat, das Gäste oder Pilger freundlich und vorwurfsfrei empfängt. Dass Israel als einziges Land in der Region eine funktionierende Infrastruktur und Demokratie aufstellte, kommt hinzu. Diese Leistung könnte das Vertrauen in Israel stärken. Tut es aber nicht.

Israel und seine Politik dienen vielmehr als verlängerter Resonanzraum. Was "man" sich über deutsche Juden nicht zu sagen traut, wird über Israel abgeworfen. Und was sich nach außen als politisches Interesse am Nahen Osten tarnt, ist häufig die Auslagerung antijüdischer Phrasen in ein anderes Land. Es ist auffällig, dass militärische Aggressionen nur an Israel kritisiert werden, während sie bei anderen Nationen hingenommen wird. Das Mikroskop wird nur für diesen Staat ausgepackt.

Teil der Staatsideologie

Judenhass vor der Haustür und Israelkritik sind wie kommunizierende Röhren: Steigt der Pegel am einen Ende, dann klettert er auch auf der anderen Seite nach oben. Was in Israel schief geht, paust auf die Bundesrepublik durch. Durch die Fluchtbewegung seit 2015 strömten viele Araber in dieses Land. In ihrer Heimat sind sie im Misstrauen gegen Israel aufgewachsen. Nun wollen sie dauerhaft in der Bundesrepublik bleiben und das Asylrecht erlangen. Über das Fernsehen sind sie auch weiterhin mit der Heimat verbunden und mit einem amtlichen Antisemitismus, der in Syrien Teil des staatlichen Programms war. Auf syrischen Landkarten ist Israel nicht eingezeichnet.

Daran entscheidet sich die Zukunft jüdischen Lebens: Gelingt es, den eingewanderten Antisemitismus zu bremsen? Wenn nicht, verbindet er sich mit dem vorhandenen Judenhass. Das Ergebnis wäre brandgefährlich. Es würde an einem Pfeiler rütteln, auf dem das Land steht. Es ruht auf den großartigen Arbeiten, die Menschen mit jüdischen Ahnen geleistet haben – weniger im Sport als in den Sparten Technik, Kunst, Philosophie, Musik. Also alles, was Deutschland lieb und teuer macht. Ob der Islam zu Deutschland gehört, ist eine weitläufig diskutierte Frage. Unstrittig freilich dürfte die Variante des Spruchs sein: Die Juden gehören zu Deutschland ulrich.fricker@suedkurier.de