Es wird wieder über Sexismus und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen geredet, in Deutschland und in der ganzen Welt. Endlich, möchte man ausrufen – und wünscht sich zugleich, es wäre gar nicht erst nötig. Ausgelöst durch die Vorwürfe von Hollywood-Schauspielerinnen gegen den Produzenten Harvey Weinstein rollt eine Welle der Offenbarungen durchs Netz: Unter dem Schlagwort #MeToo brechen Tausende Frauen ihr Schweigen und sprechen öffentlich über das, was lange verschwiegen wurde.

Das ist zweifellos ein ermutigendes Signal. Trotzdem werden bereits nach wenigen Tagen auch die Stimmen laut, die die gerade erst aufkeimende Debatte als hysterisch oder aufgebauscht bezeichnen – weil doch ohnehin klar gewesen sei, dass diese Dinge passieren, gerade im Filmbusiness, in dem das geflügelte Wort von der Besetzungscouch ja nicht erst gestern erfunden wurde.

Diese Wortmeldungen zeigen: Die Strukturen des Sexismus reichen tief. Und auch heute noch wird sexuelle Gewalt gegen Frauen häufig als selbstverständlich hingenommen. Beides sind Alltagsphänomene. Jeder weiß darum, niemand spricht darüber. Und viel zu selten haben sich Frauen bisher selbstbewusst und öffentlich dagegen gewehrt.

Die Fakten sind bekannt

Dabei liegen die Fakten seit Jahren für jeden einsehbar auf dem Tisch. Drei Jahre alt ist eine Studie der Europäischen Grundrechteagentur, die nun wieder viel zitiert wird. Damals gaben 45 bis 55 Prozent der europäischen Frauen an, seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal sexuell belästigt worden zu sein. Psychologen gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Sie heißen Scham und Angst.

Es ist die Scham davor, als Opfer stigmatisiert zu werden – und die Angst vor den falschen Schuldzuweisungen einer Gesellschaft, in der noch immer über die Länge von Röcken und die Tiefe von Ausschnitten debattiert wird. Solange Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, sich fragen, wie sie sich selbst in diese Situation gebracht haben und welche Schuld sie tragen, läuft etwas gewaltig schief.

Kritische Auseinandersetzung ist nötig

Zahlen sind das eine. Der Hashtag #MeToo liefert nun die Geschichten dazu, lässt Frauen und ihre Erfahrungen hinter der Statistik hervortreten. Es sind Schilderungen, die schmerzen. In ihrer Masse sind sie nicht mehr zu überhören. Darin liegt die Kraft der sozialen Medien: Jeder erfolgreiche Hashtag schafft ein Wir-Gefühl. In diesem Fall gibt er Frauen ein Bewusstsein davon, nicht alleine zu sein – und er zeigt unserer Gesellschaft auf, dass es ein Problem gibt, über das dringend gesprochen werden muss. Das ist ehrenwert, kann aber nur ein Anfang sein.

Was zwingend folgen muss, ist eine kritische Auseinandersetzung in der Mitte der Gesellschaft: über das Verhältnis von Mann und Frau, über unser gesellschaftliches Miteinander. Vor allem aber über lange als selbstverständlich hingenommene Machtstrukturen, die es formen – in der Familie, in Schulen, unter Freunden, in der Politik oder am Arbeitsplatz. Dass Chefetagen noch immer mehrheitlich von Männern besetzt sind oder der Frauenanteil im Bundestag im Jahr 2017 so niedrig ist wie seit knapp 20 Jahren nicht mehr, sind Konstellationen, die diese Strukturen sichtbar machen.

Es geht um Machtmissbrauch

Auch im Fall Harvey Weinstein spielen sie eine Rolle. Vieles, was Weinstein vorgeworfen wird, liegt Jahre zurück, erst heute sprechen die betroffenen Frauen. Der Grund ist so einleuchtend wie erschreckend: Wer Angst davor hat, dass die Karriere Schaden nimmt, tendiert dazu, zu schweigen. Machtmissbrauch ist das Schlagwort, das in diesem Zusammenhang fällt.

Nun ist der Fall Weinstein ein extremes Beispiel. Immerhin geht es um den Vorwurf der Vergewaltigung, also einen Straftatbestand, mit dem sich die Justiz beschäftigen muss. Im Alltag vieler Frauen beginnt Sexismus aber schon mit Worten: Mit anzüglichen Herrenwitzen aus dem Kreis der Kollegen, mit vermeintlichen Komplimenten in unangebrachten Situationen.

Darauf angesprochen, folgt in Wochen wie diesen häufig die Rückfrage, was Männer denn heutzutage eigentlich noch dürfen – oder eben nicht. Schon wird reflexhaft der Tod des Kompliments betrauert. Beide Reaktionen mögen Zeichen von Verunsicherung sein. Sie bringen die Debatte aber nicht weiter, weil damit die Rollen von Täter und Opfer verkehrt werden.

Statt in die Opferrolle zu schlüpfen, sollten Männer ihren Kopf bemühen und sich kritisch mit den ihnen eigenen Privilegien in der Gesellschaft auseinandersetzen. Dass viele von ihnen sich nie etwas von dem haben zuschulden kommen lassen, was momentan in den sozialen Netzwerken angeprangert wird, heißt nicht, dass sie das Thema Sexismus nichts angeht. Wer nicht eingreift, macht sich mitschuldig.

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