Wahlen in der Türkei sind in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten meistens einem Muster gefolgt: Die wirtschaftlich erfolgreiche Regierungspartei AKP von Recep Tayyip Erdogan setzte sich gegen eine zersplitterte und ideenlose Opposition durch. Doch die vorgezogene Parlaments- und Präsidentschaftswahl am 24. Juni verspricht spannender zu werden. Vier Oppositionsparteien haben sich für die Parlamentswahl zu einem Bündnis zusammengeschlossen, um Erdogans Macht zu brechen. Auch bei der Präsidentenwahl könnte es für Erdogan schwieriger werden als erwartet.

Sieben Wochen vor den vorgezogenen Neuwahlen in der Türkei steht eines fest: Der Wahltag wird kein Durchmarsch für Recep Tayyip Erdogan. Anders als in der Vergangenheit taktiert die Opposition klug und effizient. Und anders als bei anderen Wahlen ist zumindest bei einem Teil der Wählerschaft eine Wechselstimmung erkennbar. Obwohl Erdogan und seine Regierungspartei AKP im Wahlkampf die allermeisten Medien und den Staatsapparat auf ihrer Seite haben, ist ihr Sieg ungewiss. Der 64-jährige, der die Türkei so geprägt hat wie vor ihm nur Staatsgründer Atatürk, ist nicht mehr unbesiegbar. Entsprechend heftig dürfte es in den kommenden Wochen zwischen Bosporus und Ararat zugehen.

Ein türkischer Wahlkampf ist nichts für Zartbesaitete, besonders nicht unter den derzeitigen Bedingungen. Veranstaltungen der Opposition werden von den großen Fernsehsendern und auch vom steuerfinanzierten Staatssender TRT ignoriert, während jede Erdogan-Rede auf mehreren Kanälen live übertragen wird. Die Führung der legalen Kurdenpartei HDP sitzt im Gefängnis. Kurz vor dem Wahltag wirft die AKP-Regierung mit Geld um sich, um die Wähler bei der Stange zu halten.

Und trotzdem sind Begeisterung und Motivation zumindest bisher eher auf der Seite der Erdogan-Gegner zu finden als bei der seit anderthalb Jahrzehnten regierenden AKP. Viele Leute machen sich Sorgen um die Wirtschaft, die trotz hoher Wachstumszahlen nicht genügend Arbeitsplätze für die im Durchschnitt sehr junge Bevölkerung schaffen kann. Die Inflation steigt, der Kurs der Lira fällt. Viele kluge Köpfe wandern ins Ausland ab. Laut Meinungsforschern wenden sich insbesondere urbane Wähler von der AKP ab, darunter auch islamisch-konservative Ex-Anhänger Erdogans.

Die Gegenstrategie des Präsidenten

In der Gegenstrategie des Präsidenten spielt die kurdische HDP eine große Rolle. Schafft er es, diese Partei unter zehn Prozent und damit aus dem Parlament zu halten, fallen seiner eigenen AKP mit einem Schlag so viele Parlamentssitze in Südostanatolien zu, dass ihre Mehrheit im Plenum wohl gesichert wäre. Sollte die HDP dennoch ins Parlament kommen, wird es dagegen schwer für Erdogan: Selbst wenn er die Präsidentschaftswahl gewinnt, müsste er wohl mit einem Parlament zurechtkommen, das von seinen Gegnern kontrolliert wird. Aus seinem Ziel, die Türkei ohne Einspruch anderer Akteure regieren zu können, würde dann nichts.

Hinzu kommt, dass Erdogan mehreren gut ausgewählten Präsidentschaftskandidaten der Opposition gegenübersteht. Insbesondere der Bewerber der säkularistischen CHP, Muharrem Ince, wird den Staatschef in den kommenden Wochen jagen. Von rechts greift die Nationalistin Meral Aksener an, gleichzeitig wildert die kleine Partei SP im islamistischen Revier der AKP.

Erreicht kein Kandidat im ersten Anlauf mehr als 50 Prozent der Stimmen, folgt am 8. Juli eine Stichwahl. Dafür wollen die Parteien im Oppositionsbündnis den stärksten Kandidaten der Erdogan-Kritiker unterstützen.

Für Prognosen über den Wahlausgang ist es noch zu früh. Erdogan hat schon häufiger bewiesen, dass er sich aus einer bedrängten Lage befreien kann. Doch ausgerechnet bei dieser Wahl, bei der er sich seinen Traum einer Präsidialrepublik verwirklichen will, könnte er scheitern.