Als am frühen Abend des 13. März 2013 weißer Rauch aus dem Schlot aufstieg, ahnten nur die Kardinäle, dass ein neues Kapitel der Geschichte beginnen könnte. Als 90 Minuten später ein unscheinbarer Mann auf der Loggia des Petersdoms zaghaft winkte, wirkte das eher wie ein Rückschritt. Wer ist dieser Jorge Maria Bergoglio?, fragten sich die Menschen auf dem Petersplatz. Ihnen galt es als steinerne Regel, dass nur ein Europäer auf dem Papstthron sitzen kann.

Der neue Papst machte schnell klar, wohin die Reise geht: Zu den Rändern der Welt, zu jenen Ländern also, die scheinbar weit weg sind, weil auf ihren Weltkarten Rom stets in der Mitte steht. Für seine Mission wählte sich der Jesuit Bergoglio einen passenden und provozierenden Namen: Franziskus. In Anlehnung an den radikalen Aussteiger aus Assisi stattet er seine Kirche mit frischer Bodenhaftung aus. Zurück zu den Wurzeln und zum anspruchslosen Leben.

Bei sich selbst fing er an. Zur Beschämung seiner Mitarbeiter, die auch in Rom den Standard des Mittelstands pflegen, haust ihr Chef wie ein ewiger Student. Er verließ den Apostolischen Palast und legte viele Prachtgewänder ab, die sein Vorgänger Benedikt XVI. aus dem tridentinischen Kleiderschrank holen ließ. Seinen Pfarrern rät Franziskus zum Gebrauchtwagen und zu einem Alltag, der sich mehr an biblischer Armut orientiert als an Amazon.

Das war mutig und ist es bis heute. Papst Franziskus öffnete damit eine neue Kampfzone. Der einseitig verteilte Wohlstand, die ausgebeutete Erde und das Wirtschaftswachstum als Ewiges Gesetz – noch nie hat sich ein Kirchenführer so ins Ökologische hineingekniet und sich damit angreifbar gemacht. Glaubwürdig wird sein Einsatz in Verbindung mit der eigenen Bescheidenheit. Bei Bergoglio passen Worte und Werke zusammen. Er predigt Wasser und trinkt Wasser.

Die Folgen sind paradox: Während ihm viele von außen Beifall spenden, wächst der Widerstand in den eigenen Reihen. Konservative und traditionalistische Gruppen mobilisieren ihre Anhänger. Im Vatikan ist der Aufstand gegen die franziskanische Revolution mit Händen greifbar. Die jährliche Ansprache des Papstes in der Adventszeit mit ihren herben Worten gibt einen Vorgeschmack dessen, was sich zwischen Engelsburg und Vatikanischen Gärten abspielt. Teile seines Apparates lassen die Zügel schleifen oder verweigern die Umsetzung der Reformen. Sie bereiten sich insgeheim auf die Zeit nach Franziskus vor.

Ein Landpfarrer aus der Pampa

Auch deutsche Mitarbeiter sind am Widerstand beteiligt. Der kühle Abschied für Kardinal Gerhard Müller zeigte, dass Franziskus' Geduld Grenzen hat. Als Glaubenspräfekt hatte Müller den Papst öffentlich korrigiert. Der deutsche Professor dachte, er müsse dem Landpfarrer aus der argentinischen Pampa in die Parade fahren. Müller hat die Zeichen der Zeit offenbar nicht erkannt. Dieser Papst will keine barocken Zöpfe mehr flechten. Deshalb internationalisiert er die katholische Kirche. Die Kardinäle, die er ernennt, kommen von den Rändern der Welt. Aus Mali, Laos oder Lampedusa. Mit Franziskus könnte die Ära der Päpste beginnen, die nicht mehr aus der Alten Welt stammen. Sein übernächster Nachfolger kann aus Afrika oder Asien anreisen.

Auch deshalb mehren sich die skeptischen Stimmen in Europa. Einige halten Franziskus für erschöpft, andere für chaotisch. Tatsache ist, dass er kein fest umrissenes Programm hat. Er agiert stark aus dem Augenblick heraus. Er lässt sich zu spontanen Äußerungen und Aktionen hinreißen, die den Protokollchef zittern lassen. Er durchbricht den Panzer des Papsttums. Aus dem Heiligen Vater formt er ein charismatisches Profil. Franziskus ist zuerst und zuletzt ein einfacher, tiefgläubiger Christ, der alle gelten lässt. Ein moderner Heiliger!