1. Der Osten fühlt sich insgesamt politisch machtloser als der Westen. Das Vertrauen in die Demokratie ist generell geringer in Ostdeutschland. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung stellt in einer Umfrage fest: Mit 28 Prozent sind fast doppelt so viele Ostdeutsche unzufrieden mit der Demokratie wie Westdeutsche mit 15 Prozent. Da die AfD staatliche Institutionen und demokratische Prozesse immer wieder in Frage stellt, macht sie sich dieses Protestpotenzial zunutze.
  2. Der Osten fühlt sich abgehängt – und ist es auch. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kam der durchschnittliche Ossi 2014 – als 25 Jahre nach der Wende – auf gerade mal 67 Prozent der Wirtschaftskraft des durchschnittlichen Wessis. Daran hat sich in den vergangenen Jahren wenig geändert: Das mittlere Monatseinkommen lag Ende 2017 mit 2479 Euro brutto um 730 Euro unter dem bundesweiten Wert. Nur Menschen in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern verdienen noch weniger. Die Arbeitslosigkeit ist zwar innerhalb der letzten 15 Jahre stark gesunken, liegt aber immer noch fast beim anderthalbfachen des Westniveaus: Der westdeutsche Durchschnitt lag im Mai 2019 bei 4,6 Prozent, der ostdeutsche bei 6,3. Der Unterschied wäre laut IW noch größer, wenn nicht viele Ostdeutsche für den Job in den Westen ziehen würden. Der Aderlass führt zu entvölkerten Landstrichen und Überalterung der ländlichen Regionen: Wären die fünf neuen Bundesländer heute noch ein eigenständiger Staat, wäre er das Land mit den meisten über 65-Jährigen in der EU. Der Zusammenhang zwischen Zukunftspotenzial und Wahlentscheidung lässt sich im Osten übrigens auch in umgekehrter Hinsicht erkennen: Leipzig, beispielsweise, hat bei den Europawahlen mehrheitlich grün gewählt.
  3. Der Ost-Wähler ist beweglich. Wer katholisch ist, wählt CDU, Industriearbeiter machen ihr Kreuz bei der SPD? Dass ganze Milieus sich bestimmten Parteien verbunden fühlen, ist auch im Westen ein im Schwinden begriffenes Phänomen. Im Osten hat es das so allerdings nie gegeben. „Wir haben nicht die traditionellen Bindungen an die etablierten Parteien. Insofern ist das gesamte Feld volatiler“, sagt Politikwissenschaftler Hans Vorländer, Inhaber des Lehrstuhls für Theorie und Ideengeschichte am Institut für Politikwissenschaft der TU Dresden. Dafür ist die rechte Szene etwa im Jugendbereich, bei Fußballfanclubs oder in der Musikszene im Osten sehr aktiv – und bindet Menschen an sich.
  4. Der Osten hat ein Problem mit Fremden. In den neuen Bundesländern sind rechtspopulistische Einstellungen stärker verbreitet als im Westen, wie die aktuelle Mitte-Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) belegt. Fremdenfeindlichkeit ist demnach im Osten bei 23 Prozent der Bevölkerung verbreitet, im Westen bei 18 Prozent. Das Gefühl der kollektiven Wut auf die Zuwanderung ist in den neuen Ländern mit 52 Prozent deutlich höher als im Westen (44 Prozent).
  5. Der Osten ist verunsichert. Die Globalisierung, aber auch das Wegbrechen traditioneller Kontexte in Familie, Verein, Dorf und Kirche führt überall zu Verunsicherung. Möglicherweise besonders stark im Osten. Laut Frank Richter, Theologe und langjähriger Leiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, trifft der „Orientierungsnotstand“ den Osten besonders hart, weil er aus einer ideologisch aufgeladenen, sozialistischen Zeit komme, in der es zumindest theoretisch Ziele, Visionen und Ideale gegeben habe. Die seien nun weg. „Der Nationalismus füllt vielerorts das Vakuum“, sagt Richter. „Außerdem ist der Osten Deutschlands eine der säkularsten Regionen Europas“, fügt er an. Religion stehe als Ressource den meisten Menschen nicht mehr zur Verfügung.