Sehr geehrte Frau Schwesig, ich bewundere Sie. Sie hätten auch ein Geheimnis aus Ihrer Krankheit machen können – es wäre Ihr gutes Recht gewesen. Nur weil Sie in der Öffentlichkeit stehen, müssen Sie nicht mit Ihrer Krebserkrankung hausieren gehen. Es ist Ihre Privatsache. Dass Sie sich trotzdem dazu entschieden haben, offen über eine nach wie vor tabuisierte Krankheit zu sprechen, spricht für Ihren Mut.

Sie sind eine Inspiration für viele Frauen, für Betroffene, für Angehörige. Krebs kann jeder bekommen, niemand ist davor gefeit. Umso wichtiger ist es, dass solche Themen angstfrei angesprochen werden. Und zwar ohne dass Menschen wie Sie dadurch stigmatisiert werden. Sie sind Mutter zweier Kinder, in Ihren Vierzigern und haben Ihr Leben noch vor sich.

Ich wünsche Ihnen, Frau Schwesig, dass Sie der Politik erhalten bleiben, dass Sie auch in diesem Bereich Ihre Karriere noch vor sich haben. Als kommissarische Vorsitzende der Bundes-SPD haben Sie neben Thorsten Schäfer-Gümbel und Malu Dreyer eine gute Figur gemacht. Nicht wenige hätten Sie gerne im Rennen um den SPD-Parteivorsitz gesehen.

Dass Sie ebenso wie Malu Dreyer zu Ihrer Aufgabe als Ministerpräsidentin stehen und deshalb nicht kandidieren wollten, zeigt, dass Sie nicht jenem politischen Opportunismus anhängen, der manch einen Ihrer Genossen schon zu Fall gebracht hat. Mehr noch: Sie waren Bundesministerin und sahen Ihre Pflicht Ihrem Bundesland gegenüber.

Sie verließen Berlin, um es gegen Schwerin einzutauschen. Ein kluger Schachzug und wichtiger Baustein für eine Spitzenpolitikerkarriere. Vielleicht auch, weil Sie klug genug waren, sich in dieser großen Koalition nicht die Finger zu verbrennen – so wie Andrea Nahles, die schließlich selbst abtrat – nach Monaten der Dauerkritik in ihrer kurzen Karriere als Parteivorsitzende.

Vielleicht, liebe Frau Schwesig, verleiht Ihnen der Kampf gegen diese Krankheit neuen Mut. Ihre Krankheit ist heilbar, haben Sie bei Ihrer sehr persönlichen Ansprache zu Ihrem Rücktritt als kommissarische Vorsitzende der Bundes-SPD gesagt. Eine vollkommene Genesung kann man Ihnen nur wünschen.

Ob es für Ihre Partei noch eine Aussicht auf Heilung gibt, scheint fragwürdig. Sie wird seit Jahren gebeutelt von inneren Machtkämpfen, von Ich-Darstellern wie Martin Schulz oder Egomanen wie Sigmar Gabriel. Dass Andrea Nahles nicht souverän genug auftreten würde, war absehbar. Zu leicht lässt sie sich provozieren, hinreißen zu unbedachten Kommentaren.

Bislang treten Sie, Frau Schwesig, klug, besonnen, überlegt auf – Sie umgibt eine Aura der Glaubwürdigkeit und Seriosität. Nachdem Ihre Kollegin Katharina Barley nach Brüssel wechselt, sind Sie die Hoffnung der SPD. Diese Partei braucht Menschen wie Sie, die die Sozialdemokratie nicht abgeschrieben haben.

Das allein wird nicht reichen. Es dürfte Ihre Prüfung werden, die Partei zu neuer Größe zu verhelfen. Aber zunächst, liebe Frau Schwesig, werden Sie gesund. Und kommen Sie zurück – mit voller Kraft.
Ich wünsche es Ihnen von Herzen.

Mirjam Moll
Redaktion Politik

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