Frau Gebhardt, Sie sind ein Urgestein im Europäischen Parlament. Trotzdem kennt man Sie kaum. Woran liegt das?

Es sind einfach riesige Wahlkreise, wir können nicht so oft vor Ort sein, wie es eigentlich nötig wäre, um bekannt zu werden. Ich bin zusammen mit Peter Simon für ganz Baden-Württemberg zuständig. Ich kann nicht ständig hier in Konstanz sein, aber ich komme immer wieder. Europaabgeordnete haben die Chance nicht, die Landtags- oder Bundestagsabgeordnete haben.

Sie sind gebürtige Französin, aber Mitglied in der SPD. Was bedeutet für Sie Europa, die mit zwei Ländern eine enge Bindung hat?

Europa heißt für mich zu aller erst Frieden und Grenzenlosigkeit. Ich habe es noch erlebt als junge Frau, ich habe eine Wochenendehe geführt und bin zwischen meinem Studienort Paris und Stuttgart gependelt. An der Grenze zu Kehl haben erst die französischen Beamten die Pässe kontrolliert, dann die deutschen. Die Chance zu haben, sich in ganz Europa frei bewegen, arbeiten, sich verwirklichen zu dürfen, ist das Schönste, was ich damit verbinde.

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Genau diese Werte werden von Populisten in ganz Europa massiv angegriffen. Wie sehen Sie diese Entwicklungen, macht Ihnen das Sorge?

Natürlich macht mir das Sorge. Die AfD und andere, die sich mit Rechtspopulisten verbünden, um dieses Europa kaputt zu machen. Ich hoffe sehr, dass der Zuwachs dieser Parteien nicht so groß sein wird, wie immer wieder behauptet wird. In Ländern wie Spanien, aber auch Polen scheint sich derzeit etwas zu ändern – zuungunsten dieser Parteien.

Sie sind gebürtige Pariserin. Was bedeuten Bewegungen wie die Gelbwesten?

In der ganzen EU geht die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter auseinander. Viele Menschen finden keinen Arbeitsplatz und verlieren die Geduld. Sie wollen eine Perspektive für ihr Leben. Sie werden dann eben auch laut und das zu Recht. Die Gewalt, die diese Proteste begleitet, kann ich nicht tolerieren. Aber die Forderungen, auch in der Innenstadt bezahlbaren Wohnraum zu finden, eine Arbeit, von der man leben kann, kann ich nachvollziehen. Der Binnenmarkt der EU funktioniert gut, jetzt gilt es, ein neues Kapitel zu öffnen. Und das heißt Soziales Europa.

Was genau müsste ein solches Europa leisten?

Wir müssen Perspektiven schaffen. Zum einen die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit im Süden der EU, aber auch europäische Mindestlöhne, die über der Armutsgrenze stehen. Das bedeutet für Deutschland mindestens zwölf Euro. Wir müssen die Arbeitsplätze der Zukunft sichern.

Glauben Sie, dass die Regierungskrise in Österreich und die schmutzige Wäsche von Ex-FPÖ-Chef Strache die Populisten schwächt?

Diese Enthüllungen zeigen das wahre Gesicht der Rechtsextremen und Populisten. Wir hatten solche Geschichten schon mit Le Pen und ihrem Vater. Wir wissen, dass der US-amerikanische Populist Steve Bennon diese rechtsextremen Parteien unterstützt und berät. Wir wissen, dass eine große Maschinerie in Gang gesetzt worden ist gegen die EU. Deshalb ist es gut, wenn solche Dinge auch sichtbar gemacht werden, um den Bürgern die Augen zu öffnen.

Wie unglücklich ist es, dass Großbritannien nun doch an den Wahlen teilnimmt und Vertreter entsendet, obwohl das Land die EU verlassen will? Schwächt das die EU?

Nein, auf keinen Fall. Die Brexiteers, die behaupten, sie werden das Parlament durcheinanderbringen, liegen falsch. Es sind 75 Abgeordnete, die aus Großbritannien kommen, da werden auch Liberale und Sozialdemokraten dabei sein. Es wird vielmehr eine Testwahl sein, ob der Wille, aus der EU auszutreten, wirklich so groß ist. Darin sehe ich auch eine Chance, den Brexit vielleicht noch abzuwenden.

Woran liegt es, dass viele heute den Nutzen der EU nicht mehr erkennen?

Ich glaube, es gibt Dinge, die sind so normal und selbstverständlich geworden, dass sie sie gar nicht mehr wahrnehmen – dass wir in Frieden zusammenleben. Das ist ja auch der große Erfolg der EU, dass wir keine Grenzen mehr haben, ohne Kontrollen in andere Länder reisen können. Es wird nur noch wahrgenommen, was nicht funktioniert. Aber ich stelle oft fest, dass die Menschen eher mehr Europa verlangen: Sie sind Europa gegenüber kritisch, aber wenn man nachfragt, geht es eher darum, was in der EU noch nicht so läuft, wie sie es zu Hause kennen.

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Tut die EU zu wenig, um diese Erfolge den Menschen auch zu vermitteln?

Ich glaube eher, wir kommen an Grenzen, wenn neues EU-Recht in nationales Recht umgesetzt werden muss. Wenn es gut ankommt, dann war es das Verdienst der nationalen Minister, wenn es nicht gut ankommt, war es Brüssel. Dabei handelt es sich um dieselben Personen. Deshalb verlange ich von den nationalen Regierungen, dass sie zu ihren Entscheidungen stehen und Europa nicht als Sündenbock hinstellen.

Wo hat die EU in Ihren Augen geschlafen – und in welchen Bereichen sollte sie endlich aktiv werden?

Die EU selbst, wenn wir über die Kommission und das Parlament sprechen, hat viele gute Vorschläge erarbeitet, etwa in der Flüchtlingspolitik. Das Problem sind die Regierungen in den Mitgliedstaaten, die nicht bereit sind, diesen Weg mitzugehen. Dabei sind es Themen, die nur europäisch gelöst werden können. Ich weigere mich, die Formulierung „die EU hat nicht“ zu akzeptieren. Die Flüchtlingsquote haben wir im Parlament längst beschlossen, aber sie liegt im Rat, dem Gremium der Mitgliedstaaten, wo sie nicht weiter bearbeitet wird. Wir sind Ko-Entscheider – der eine kann nicht ohne den anderen. Wenn die Regierungen nicht mitziehen, stecken wir fest. Deshalb ist nicht die EU, die bewegungslos ist, sondern die Mitgliedstaaten.