Es wird geräumt in der Robert-Schuman-Kaserne in Müllheim. Eine rote Sandspur, die quer über die Hauptstraße verläuft, verrät ein Leck in einer Ölwanne eines der Militärfahrzeuge. Im Dauerregen sind etwa ein Dutzend Soldaten damit beschäftigt, den Sand zusammenzufegen und in blaue Säcke für den Sondermüll zusammenzufegen.

Im Hintergrund ist das Munitionslager zu sehen, kleine Beton-Bunker hinter einem Sicherheitszaun. Alles hat seine Ordnung hier bei der deutsch-französischen Brigade. Wir werden von Hauptfeldwebel Christoph Liesmann direkt am Auto abgeholt. Alleine dürfen wir uns hier nicht bewegen. Liesmann zuckt nur mit den Achseln, als ich auf das schlechte Wetter hinweise. „Ich bin seit acht Wochen aus Mali zurück, ich mag den Regen.“

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Der Unteroffizier führt uns in eines der hinteren Gebäude der Kaserne, wo es neben Büroräumen auch eine Art Aufenthaltsraum gibt. „Nur für Unteroffiziere und Offiziere“ steht da auf einem DinA4-Blatt, das an die Tür geheftet ist: ein paar Bänke, Tische und Stühle und sogar eine kleine Bar, ausgestattet mit dunklen Holzmöbeln, die etwas in die Jahre gekommen sind, vermitteln den rauen Charme einer Kaserne.

Lars F., Stabsfeldwebel bei der deutsch-französischen Brigrade in Müllheim, vor einem Nebengebäude der Kaserne. Der französische Hahn und der deutsche Adler vereinen sich hier zu einem gemeinsamen Symbol der Brigade.
Lars F., Stabsfeldwebel bei der deutsch-französischen Brigrade in Müllheim, vor einem Nebengebäude der Kaserne. Der französische Hahn und der deutsche Adler vereinen sich hier zu einem gemeinsamen Symbol der Brigade. | Bild: Hanser, Oliver

Hier arbeitet Stabsfeldwebel Lars F. seit 26 Jahren – seinen Nachnamen möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen. Europa ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, wie er selbst sagt. Der Mann mit dem akurat kurz geschorenen Haar, Oberlippen und Kinnbart hält sein Barett in der Hand, als er den Aufenthaltsraum betritt. Sein Gesicht wirkt nicht wie das eines Mannes, der schon in Ländern wie Mali gedient hat.

Video: Mirjam Moll

Der 48-Jährige landete eher zufällig bei der Bundeswehr. Nach seiner Lehre zum Kaufmann wurde F. zum Wehrdienst eingezogen, seine Grundausbildung machte er in Stetten am kalten Markt – im Winter, wenn der Ort seinem Namen alle Ehre macht.

Schneller Aufstieg

Damals sprach man den jungen Mann an, ob er Soldat auf Zeit werden wolle. F. sagte zu. Er setzte seine Ausbildung fort, wurde zum Unteroffizier, schließlich zum Feldwebel. Schon nach sechs Jahren verpflichtete er sich als Berufssoldat: „Das ist ziemlich schnell“, sagt der heute 48-Jährige nicht ohne Stolz.

Ein Leben ohne die Brigade kann er sich heute gar nicht mehr vorstellen. Französisch hatte er auf der Realschule ein paar Jahre. Und heute, nach 26 Jahren in einer binationalen Brigade? „Ich kann mich unterhalten“, sagt F.. Die französischen Kameraden bemühten sich aber auch, deutsch zu sprechen, versichert er.

Lars F., Stabsfeldwebel bei der deutsch-französischen Brigrade in Müllheim, steht vor Militärfahrzeugen der Brigade.
Lars F., Stabsfeldwebel bei der deutsch-französischen Brigrade in Müllheim, steht vor Militärfahrzeugen der Brigade. | Bild: Hanser, Oliver

Das Vorurteil der fremdsprachenmuffligen Franzosen greift hier nicht. „Viele französische Soldaten kommen aus der Grenzregion“, erklärt er: „Das macht es einfacher.“ Aber: „Sprachbarrieren gibt es immer noch.“ Teils kommen die Kameraden auch aus entlegenen Teilen Frankreichs bis hin zu Marseille.

Sprachbarrieren trotz Nachbarschaft

Die früheren Sprachvoraussetzungen gibt es schon lange nicht mehr – sie konnten nach dem Wegfall der Wehrpflicht auch nicht mehr gehalten werden, ergänzt der Unteroffizier. Zwar hat auch die Bundeswehr Sprachschulen – aber letztenendes entscheide die Kapazität in der Brigade, ob Soldaten dafür abgestellt werden können, wie Liesmann erklärt.

Straffer Tagesablauf

Die Dienstzeiten in der Brigade sind klar geregelt. Die Soldaten haben hier eine 41-Stunden-Woche, der Tag beginnt um 6.45 Uhr. Exakt um 7.05 Uhr ist Frühbesprechung, beim Morgenappell um 7.30 Uhr wird der Tagesablauf besprochen, Informationen ausgetauscht, die mittelfristige Planung ins Auge gefasst.

Mittagspause ist schon um 11.30 Uhr. 45 Minuten bekommen die Soldaten dafür. „Da ist der Nachmittag bis Dienstschluss schon lang“, gesteht F.. Um 17 Uhr kann er die Kaserne verlassen, freitags schon um 11 Uhr: „Wir haben hier Kollegen mit bis zu 800 Kilometern Anfahrt“, erklärt der Stabsfeldwebel.

Auch im Aufenthaltsraum der Unteroffiziere und Offiziere hängt das Symbol der Brigade – der französische Hahn und der deutsche Adler vereint.
Auch im Aufenthaltsraum der Unteroffiziere und Offiziere hängt das Symbol der Brigade – der französische Hahn und der deutsche Adler vereint. | Bild: Hanser, Oliver

Er selbst lebt im Markgräflerland mit seiner Lebensgefährtin und seiner siebenjährigen Stieftochter. Die Brigade will er nicht mehr verlassen bis zu seinem Ruhestand: „Ich bleibe der Binationalität treu“, sagt er und lächelt. Bis dahin will der Soldat noch zum Oberstabsfeldwebel aufsteigen – die höchste Stufe auf der Karriereleiter der Unteroffiziere.

Seite an Seite

Die deutsch-französische Brigade ist für die Soldaten hier Alltag. „Aber sie bleibt eine Besonderheit“, betont F.. „Wir haben hier eine Vorreiterrolle in Europa und können hier Möglichkeiten der Zusammenarbeit aufzeigen.“

Der 48-Jährige hat schon vieles erlebt in seiner Karriere – „Höhen und Tiefen“, wie er sagt, ohne weiter ins Detail zu gehen. Gemeinsame Einsätze wie in Mali vor vier Jahren bleiben ihm besonders in Erinnerung.

Frühzeitige Planung

Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten, gesteht F. ganz offen. Nationale Vorgaben, Regeln, die geändert werden, unterschiedliche Kommunikationssysteme, die aufeinander abgestimmt werden müssen. Gemeinsame Einsätze müssen über Jahre geplant werden – „das geht nicht in einer Woche“. So müssen die Franzosen den Schutz ihrer ehemaligen Kolonien Jahrzehnte im Voraus planen.

Vor der Kaserne ist ein Wappen in den Boden eingelassen, auf dem die Landesfarben beider Nationen ineinander übergehen.
Vor der Kaserne ist ein Wappen in den Boden eingelassen, auf dem die Landesfarben beider Nationen ineinander übergehen. | Bild: Daniel Schäfer

Kurzfristige Missionen seien da schwer zu integrieren. Das alles bremst die Brigade ein wenig. „Aber wir haben jetzt eine Brigadeleitung, die versucht, das etwas abzufangen“, fügt der Soldat hinzu. Derzeit ist ein französischer General an der Spitze, in etwa vier Monaten folgt der zweijährliche Wechsel und ein deutscher Kommandeur wird übernehmen.

Flanierende Franzosen

Mehrere Jahrzehnte hat F. an der Seite von Franzosen gearbeitet, da fallen schon die ein oder anderen Eigenheiten auf – von denen aber beide lernen und profitieren können: „Wir Deutschen hetzten durchs Leben“, sagt F. – „der Franzose flaniert“. Man müsse sich einfach mehr Zeit nehmen – für sich, für die Kameraden. Da sieht er die französischen Soldaten als Vorbilder: „Daraus sollten wir lernen.“

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Überhaupt findet er die Zusammenarbeit zwischen beiden Seiten wichtig. Europa ist ihm wichtig. „Unsere Völker haben sich die Hand gereicht zur Versöhnung“, sagt er mit Blick auf die berühmte Szene zwischen dem französischen Präsidenten Francois Mitterrand und Kanzler Helmut Kohl.

Sinnbild für europäischen Weg

Der Name der Kaserne „Robert Schuman„ steht sinnbildlich dafür: Der frühere französische Ministerpräsident, als Reichsdeutscher in Luxemburg geboren, gilz als europäischen Wegbereiter: „Die Vergangenheit ist hier allgegenwärtig“, betont der Stabsfeldwebel.

Die Robert-Schuman-Kaserne der deutsch-französischen Brigrade in Müllheim. Vor dem Gebäude wehen die Flaggen der Nato, der EU, Frankreichs, Deutschlands und Baden-Württembergs im Wind.
Die Robert-Schuman-Kaserne der deutsch-französischen Brigrade in Müllheim. Vor dem Gebäude wehen die Flaggen der Nato, der EU, Frankreichs, Deutschlands und Baden-Württembergs im Wind. | Bild: Hanser, Oliver

Trotzdem gibt es hier auch sichtbare Zeichen der gelungenen Aussöhnung. Nationale Feiertage, die gemeinsam gefeiert werden zum Beispiel. Der 14. Juli ist für die deutschen Soldaten hier genauso ein Feiertag wie der 3. Oktober. Die jeweiligen Schutzheiligen werden gefeiert wie St. Gabriel oder St. Barbara.

Europa im Alltag

„Ich lebe Europa durch meine Arbeit“, sagt F. überzeugt. „Wir genießen offene Grenzen.“ Europa ohne die EU findet er „schwierig“. Die EU sei nötig, „um alles zusammenzuhalten“. „Aber wir brauchen Ideen für die Zukunft“, sagt er nachdrücklich. Aber: „Europa steht immer noch für die Grundsätze der Freiheit und des Wohlstands. Dafür sind wir auch Soldaten.“

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Am 26. Mai sind Europawahlen. Bis dahin wollen wir, die Redakteure des SÜDKURIER, einen Blick in die Region werfen: Wie sehr betrifft die EU die Bürger hier, was denken sie darüber und welche Vorteile oder auch Schwierigkeiten bringt die Europäische Union mit sich? All das wollen wir in der achtteiligen Serie beleuchten – kritisch und fundiert. Im ersten Teil waren unsere Leser die Protagonisten. In den folgenden sechs Teilen sprechen wir mit Menschen, die von der Europäischen Union begeistert sind oder ihr skeptisch gegenüberstehen. Mit Menschen, die von ihr profitieren und solchen, die für sie arbeiten. Und auch mit Menschen, deren Leben von der EU geprägt ist. Schließlich sprechen wir mit einem EU-Experten, bevor wir im Schlussteil erklären, wie genau die Wahl abläuft. Diese Reise durch die Region ist auch eine Reise durch die EU, auf die wir Sie, unsere Leser, gerne mitnehmen möchten. (mim)